Aktuelle Predigt

Wenn ich in den Zungen der Menschen und der Engel reden kann, habe aber die Liebe nicht, so bin ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. Und wenn ich die Gabe der prophetischen Rede habe und alle Geheimnisse weiß und alle Erkenntnis besitze und wenn ich allen Glauben habe, so daß ich Berge versetzte, habe aber die Liebe nicht, so bin ich nichts. Und wenn ich all meinen Besitz an die Armen verteile, und wenn ich meinen Leib hingebe, damit er verbrannt werde, habe aber die Liebe nicht, so nützt es mir nichts.
Die Liebe ist langmütig und freundlich. Die Liebe eifert nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf, sie ist nicht taktlos, sie sucht nicht das Ihre, sie wird nicht verbittert, sie rechnet das Böse nicht an. Sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit. Sie trägt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie überdauert alles. Es bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen. (1. Kor 13)

Liebe Jemeinde,
vielleicht haste dir ooch schon jefracht, warum du angeredet wirst mit „Liebe Jemeinde“ und hast bei dir jesacht: Ick höre imma „Liebe...“ Erstens bin ick nich lieb, zweitens will ick ooch nicht immer lieb sein, und drittens: Wat heißt denn übahaupt „Liebe“? Trifft sich jut. Weil heute is det Hohe Lied der Liebe dran, vom Liedamacher Paulus, aus dem ersten Brief an seine Pappenheimer in Korinth. "Wenn ick mit Engelszungen quatsche und habe die Liebe nich“ usw usw, du weißt schon.

Bloß det nich, sachste nun, det ist mir zu hoch. Kein Problem, sache ich, det machen wir so wie der alte Heidenapostel et jemacht hat. Wenn der seine Bibel, det Alte Testament, zitierte, denn hat er Sätze zwischenmang jeschoben, für uns Dussel, damit wir't vastehn, det nennt man jelehrte Glossen, wenn einer seine Zunge reinklemmt zwischen die Wörter, ehe't weitajeht im Text. Und der alte Luther, als der jung war und Vorlesungen jehalten hat und so, hat er det ooch so jemacht und nicht so wie heute, wo man bei der Predigtvorbereitung rumsitzt und grübelgrübel kratzkratz und Bücher wälzt vorwärts und rückwärts, und „kann man det heute noch sachen?“

Nee, der Doktor der Heilijen Schrift, der rannte buchstäblich an der Schrift ruff un runta und jebrauchte die Buchstaben und Wörter wie'n Jeländer, wenn du 'ne Treppe runterkraxelst im Dunkeln, Stufe für Stufe, rückwärts vielleicht wie ’n kleinet Kind, das det Jeländer janz unten anfaßt, und wenn du't schwer am Kreuz hast mit den Bandscheiben, dann machst du es wieder so und vastehst det Wort von deinem Heiland: Wenn ihr nich werdet wie die Kinder...

Will heißen: Die Heilije Schrift nimmst du dir als Jeländer, und dafür ist keen Text zu hoch. Und bist du jut unten anjekommen, denn freuste dir und singst: Vom Himmel hoch, da komm ick her, dann denkst du: nu is Weihnachten, und lieb bist du von janz alleene. Denn rennste die Treppe wieder hoch vor lauter lauter, weil du't jeschafft hast, und hockst dir uffs Jeländer und von jaanz oben rutschste det Jeländer runter mit einer Affenjeschwindigkeit und brüllst „Jippiee“, und det hört sich in den Ohren von Jott an wie, sachen wa mal: „Abba, lieber Vater!“. Und der Heilige Jeist steht dabei und sacht zu Jottvater: Laß man, Kinda sind Kinda.

Nu kannste ruhig frachen, wat Liebe ist. Der Apostel fracht sich det ooch. Und macht es so, det er sich in der ersten Strophe fracht: Wat wär mit mir, wenn et die nich jeben würde? Deswegen heißt der Mann Apostel, det heißt Jesandter, Jeschickter, weil er so jeschickt fracht. Also wenn de wissen willst, wat wat is, frachste zuerst: Wat is, wenn't fehlt? Also los: die Hand an’t Jeländer und die Zunge nicht abjebissen, sondern zwischenmang die Wörter und Sätze jeklemmt. Strophe eins. Erst immer der und denn wir.

Wenn ick mit Menschen- und mit Engelszungen redete... Hätte ich die Klappe von Monika Gruber und die Sprache von Ralf Schmitz, oder wenn ick singen könnte wie Heintje oder Adele oder Tailerschwift - und hätte der Liebe nicht, denn wär’ ick ein tönend Erz oder ’ne klingende Schelle. ’N Echo hätt’ ick denn wie ’ne Betonwand, an die eena kloppt, oder wie ’ne Stahltür im Keller alleene, wie 'ne E-Gitarre, wenn der Saft abjedreht is, wie Charles Lindbergh überm Ozean ohne Propella und Flüjel.

Und wenn ick weissachen könnte... Hätte ick ’ne Kristallkuller und könnte in die Zukunft kieken, könnte Prognosen stellen und planen, kurz-, mittel- und langfristig, und wüßte alle Jeheimnisse und hätte allet Wissen von allen Fachidioten und Experten und vom janzen Internet zusammen, dazu das Nauhau, auf deutsch: Kompetenzkompetenz, und hätte allen Jlooben und die Durchsetzungskraft samt der Pauer, also det ick Berje vasetzte, Müllberje, Aktenberje, Schuldenberje, ooch Menschenberje, so det Langweiler und Trantüten endlich Feuer unterm Hintern bekämen und sich aufraffen würden – also könnte ick dit allet und hätte die Liebe nich, so wär’ ick nüscht. Ick würde jejen die Wand rennen wie’n kompletta Idiot.

Und wenn ick meinen Leib brennen ließe... und ick mach weiter, immer weiter wie der Hamster im Rad, und keena sieht, watte machst und leistest, keen Schwein sieht det, sondern hält det für normal, also die Gören uffziehen und de Töpfe auskippen im Krankenhaus, du weißt ja selba deine Arbeit und kennst den Alltach: ohne Bejeisterung bist du bald am Ende. Aber gerade dit frißt eenen uff, die eene von innen und det andere von außen: die Leidenschaft und det Gewissen, da stehste voll in Flammen, und keena kommt löschen.

Und hätte der Liebe nich, so wär't mir nichts nütze. Essig wär't denn, kiekste in die Röhre, nur Asche und Dreck. Ausjebrannt biste von den hohen Zielen und Idealen und von der Jewohnheit. Wie ne Stufenrakete brennste erst leer, und wenn du absackst, vaglühste nochmal in der Erdatmosphäre. Die Liebe dajejen is ne erneuerbare Energie. Mit ihr kippste det Vabrauchte oben wieder rin.

Jetz kommt Strophe zwei. Wir machen't zur Abwechslung umjekehrt: erst wir, denn kommt der Apostel. Die Liebe hat viel Puste, einen langen Atem, aber ’n langet Gesicht macht se deswejen noch nich. Det will heißen: Die Liebe ist langmütig und freundlich. Die Liebe angagiert sich uff Jott-bleib-drin, aber nich uff Teufel komm raus, bisse sich zum Schluß nur noch danebenbenimmt. Auf bibeldeutsch: Die Liebe eifat nich, se treibt nich Mutwillen.

Jeh’n wa noch’n Stück weiter: Der Liebe jeht et nich um sich. Und wenn wat nich hinhaut, haut sie hin oder sitzt uffm Sofa und schmollt. Bißchen vornehmer heißt det: Sie sucht nich det Ihre, sie läßt sich nich erbittern. Sie puhlt sich nich imma det Schlechte raus am andern, und sie sacht nich Ätsch, wenn eena Mist jebaut hat. Jenauer: Sie trachtet nicht nach Schaden, sie freut sich nich’n Loch in’n Bauch, wenn wat unjerecht is, sondern sie freut sich wie Bolle, wenn wat jut und ehrlich is.

Wie Aschenputtel is die Liebe, sie läßt allet mit sich machen, da bleibt se völlig cool, tut die schlechten ins Kröpfchen, dafür hat se die Tauben, setz dich nieder uff mein Fuß, und denkt an ihren Königssohn, der hat'n Schuh von ihr, der paßt nur ihr alleene. Da is ihr janz schön vor lauter Innerlichkeit unter den ollen Klamotten. Will sachen: Sie verträgt allet, sie jlaubt allet.
Weil: Se weiß ja, det der Tach kommen wird, wo se wieder zum Ball jehen wird, und denn richtig, hat ihr schönes Kleid an vom Sonntach, und der Bräutijam kommt schmuck und schnieke, und denn wird se auch von außen schön sein, deswegen strahlt se schon jetz. Kommste mit, liebe Seele, so wie de bist, mit deinem hochzeitlichen Kleid? Wir sind in Jottes Haus, da feiern wa schön und freuen uns schon mal jetz. Und die bösen Schwestern und all det andere vajessen wir. Du rutschst det Jeländer runter und die dir den Buckel. Det meint der Apostel mit: Sie hofft allet, sie duldet allet.

Strophe drei: Die Liebe hört nich auf. Die nich, wo doch die Weissachungen uffhören werden und die Sprachen und die Erkenntnis. Die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät und det Ifo-Institut hören uff und die jesamte Ludwichs-Maximilian-Universität, ooch die Theologie. Denn unsa Wissen is Kleinkram, Stückwerk, und unser Weissagen ist Stückwerk, is lückenhaft, is Mode. Und irjendwann werden die Wissenschaften sich zuende jepusselt haben. Wenn aber kommen wird det Vollkommene, so wird det Stückwerk uffhörn.

Wir kieken jetz durch 'nen Spiejel in einem dunklen Wort. So is det mit dem Jlauben, mit der Theologie sowieso, die ist ja ooch ’ne Wissenschaft, da is viel schief dran, im Spiejel siehste seitenvakehrt und wie in ein Rätsel, duster. Aber ’n Rätsel hat immer eine Lösung. Und wenn du die Lösung ooch nich rauskrichst, dein janzet Leben nicht, so ist die Lösung doch drin in dem Rätsel. Und mit der Zeit jewinnste det Rätsel lieb und kannst warten. Denn sachste nicht dauernd: Ick hab'n Problem. Sondern du sachst: Ick bin’n Rätsel, und mit der Lösung drin kann ick leben - und freu’ mir schon druff, wenn det Rätsel jelöst wird. Und det Wort ist dunkel, aber innen brennt es hell. Vorausjesetzt, ick halte mein Licht nicht zu hoch in die Nacht, wo't duster ist, sondern an de Füße, denn seh ick nämlich den nächsten Schritt erleuchtet. So’ ne Laterne is Jottes Wort, mein’t Fußet Leuchte und’n Licht uff meinem Weg.

Denn aber von Anjesicht zu Anjesicht. Mann, Augen werde ick denn machen, wenn det allet rauskommt, wat uns hier ’n Rätsel is. Jetz kapier’ ick's nur stückweise. Wenn ’ne Tasse ’n Sprung hat oder 'ne Macke, denn macht se oft länger mit als ohne, und du siehst 'ne janze Menge vom Leben, wenn dir eena aus’m Schrank holt, den det nich stört, weil er selber 'n Sprung hat und selba in Stücke jegangen is.

Nu aber bleibt Jlaube, Hoffnung, Liebe, diese drei. Die Liebe bleibt noch uff der Welt, zusammen mit Jlaube und Hoffnung, det sin Jeschwister wie Hänsel und Gretel im Wald. Da können sie sich valoofen, deswegen jeht die Liebe nich weg. Weil se ewig is, kann se auch bleiben in der Zeit. Und kann sich richtig rinknien und sich einsetzen für dir und für mir. „Siehe, wir jehn ruff nach Jerusalem“, sprach Jesus, obwohl det Wort wohl ziemlich dunkel jewesen is für seine Jünger. Aber bei dem Blinden hat's was innen hell jemacht, als der sein Ohr winnetoumäßig uff die Erde lecht un die Liebe kommen hört und schreit und sich nich abhalten läßt von jeflissentlichen Jüngern, sondern dranbleibt und uff die Liebe rechnet.

Und se kommt und hört uff den Namen „Jesus, du Sohn von David, erbarm dich über mir“. Da bleibt se stehen, die Liebe, dreht sich um und fracht, wat se tun soll, und der Blinde sacht, es soll auch außen hell werden, daran glaubt er, det hofft er. Darum jehn die drei nicht auseinander, Jlaube, Liebe, Hoffnung, und die Liebe dreht sich nich bloß um, sondern jeht hin nach Jerusalem, um sich zu dranzujeben und zu opfan. Denn die Liebe ist die jrößte unter ihnen. Amen.

Und jetz rennen wir wieder ruff un rutschen det Jeländer mit Affenjeschwindigkeit runter und hören det Hohe Lied der Liebe von vorn.

 

- Jan Freiwald, 11.2.2024