Aktuelle Predigt

Hirten wie wir

ES BEGAB SICH ABER ZU DER ZEIT
Was so anfängt, liebe Schwestern und Brüder, das wird gern weiter erzählt, immer wieder. Von Generation zu Generation weitererzählt. Und die es hören, werden wieder Kinder. Wie damals, als sie zum ersten Mal hörten, wie Maria Besuch vom Engel bekommt und das Jesuskind gebären wird. Und der Jo-sef sich lange am Kopf kratzt und im Bart, was das jetzt wohl alles soll. Und dann der Kaiser Augustus und die Volkszählung, und alle müssen reisen, und volle Straßen und Stau und alles auf den Beinen, und nirgendwo Platz und alles ist voll. Es begab sich aber zu der Zeit. Erwachsene werden Kinder, und Kinder werden ganz ruhig, und alle lassen sich erzählen von dem Wunder, das zu Weihnachten geschieht.

DENN SIE HATTEN SONST KEINEN RAUM IN DER HERBERGE
Da trägt Maria das Kostbarste in sich, was das Universum zu bieten hat, und bekommt ihr Kind im Stall, in Heu und Stroh, im warmen Mist. Nirgendwo ein Zimmer frei. Die beiden klopfen an alle Türen. Immer das Gleiche: Haut ab, das Boot ist voll. Es bräuchte eine Quote, das muss man regeln, höhere Zäune, die Grenzen zu, was wollen die alle hier, bleibt doch wo ihr herkommt, kein Platz mehr hier. Und die Wirte und die Hotelbesitzer und die mit den großen Wohnungen, erschrecken: Diese Leute, die bedrohen mich, ich kann kein Zimmer abgeben, wo sollen denn alle meine Sachen hin, und ich brauch´ nun mal viel Platz, und ich hab ja auch dafür gearbeitet, und die sollen es jetzt umsonst kriegen? Und dann geht die eine Tür auf, hat einer Mitleid, und da ist Hoffnung. Ein warmes Plätzchen, nur nicht mehr fliehen müssen und hetzen und suchen, sondern sein dürfen. Gott schickt uns, wir haben nichts, bitte teilt mit uns. Al-so gut, um Gottes willen, ein Stall, eine Futterkrippe.

UND DER ENGEL DES HERRN TRAT ZU DEN HIRTEN
Der Engel zu den Hirten? Um Himmels willen, doch nicht zu Hirten, dieser Mief, kei-ne Dusche seit Jahren, uralte Kleider an, und bestimmt alle eine Fahne. Und wie die aussehen, einmal rasieren und neue Sachen und etwas Deo vielleicht. Und doch ist er da, der Engel, mittendrin, und fragt nicht, ob du grad Zeit hast, und plötzlich ist nichts mehr, wie es war, sondern alles ist ganz klar, keine Fragen bleiben da offen, keine. Da kann sich keiner mehr verstecken, denn sie sind gemeint, und das wissen sie, keine Ausflüchte, nur sie, nur du da und du, und ich. Fürchtet euch nicht. Wenn das so ein-fach wäre.

UND DIE HIRTEN FÜRCHTETEN SICH SEHR
O ja, die Hirten, die haben Angst, denen steht der Schreck im Gesicht. Diesen harten Burschen, die jede Nacht die Herde beschützen vor dem, was Angst macht, haben jetzt selbst Schiss: Nicht vor den wilden Tieren, die immer mal eins reißen, nicht vor den Schafen, die sich abends nur mal kurz eine Runde die Beine vertreten wollen und dann nicht wieder nach Hause finden, nicht vor Listeriose und Schafrotz, nicht mal vor den herablassenden Blicken der besseren Gesellschaft, der Gebildeten und Besit-zenden. Das alles kennen sie.
Nein, Angst macht ihnen das, was sie nicht kennen. Dieses ganz Andere, das sie jetzt hier in der Heiligen Nacht erleben. Das nicht in ihre Welt passt. Bislang war ihr Leben anstrengend, aber ihre Welt, die war klar. Ja ja, Gott, der interessiert sich nicht für mich. Der hat ja keine Ahnung, Hartz IV und Weihnachten, wie soll denn das gehen? Der hat ja keinen Schimmer von meinen Problemen, zu wenig Geld, zu wenig Urlaub und keine Ahnung, was morgen sein wird. Die Welt ist so kompliziert geworden, ich versteh das alles nicht mehr. Und das Fremde nimmt überhand, wir wollen unter uns bleiben, da wissen wir wenigstens, wie das geht. Und wenn dann einer sagt: Leute, es ist doch alles ganz einfach: die oder Ihr. Für alle reicht es nicht, am Ende seid ihr die Angeschmierten, dann denke ich, es ist doch vielleicht wirklich alles ganz einfach, oder? Also, Gott, lass uns lieber in Ruhe. Es geht besser ohne dich. Ich bleib' in mei-ner kleinen Welt, da habe ich Sorgen genug.

UND DER ENGEL SPRACH: FÜRCHTET EUCH NICHT
Fürchtet euch nicht! Habt keine Angst! Denn Angst ist für Hirten ein ganz schlechter Ratgeber. Ängstliche Hirten, die werden selber wie Schafe und blöken rum und stol-pern durcheinander und keiner weiß mehr, wo es langgeht. Und keiner fühlt sich ver-antwortlich und vertreibt die Zähnefletscher und Schafpelzwölfe, und kein Schaf lässt sein Leben für die anderen Schafe. So was macht die Angst mit Schafen und Men-schen, das geht ganz schnell. Und Gott weiß das.

FÜRCHTET EUCH NICHT! DENN EUCH IST HEUTE DER HEILAND GEBOREN
Vom Himmel die Stimme Gottes, und die ängstlichen Herzen spüren das Licht, das dem Volk vorangeht in der Nacht, die Gewissheit, dass Gott ein Gott ist, der mitgeht, die Liebe, die immer wieder neu anfängt, in Angst und Schuld. Vom Himmel die Stimme Gottes, die ruft: Geht durch das Meer der Angst, ich bringe euch trockenen Fußes herüber, vertraut mir, gebt mir eure Angst. Ich nehme euer ängstliches Herz in die Hände und gebe es euch zurück, gefüllt mit Vertrauen und mit Sehnsucht nach Begegnung und mit fröhlichem Gesang. Ich gebe euch ein neues Herz, denn Neues muss werden, das Alte vergehen, nur so wird Zukunft. Ein neues Herz für euch und neue Zukunft und ein neues Leben von dem, der sich euch heute schenkt. Denn heute, heute dreht sich der Himmel um euch.

UND ALS DIE ENGEL VON IHNEN GEN HIMMEL FUHREN, SPRACHEN DIE HIRTEN UNTEREINANDER: LASST UNS GEHEN NACH BETHLEHEM UND DIE GESCHICHTE SEHEN, DIE DA GESCHEHEN IST
Und die, deren Aufgabe das Bleiben war, die gehen nun los. Hinaus aus ihrer Welt und hinein in das Fremde. Der Angst entgegen und dem Unbekannten. Auch wenn das Herz längst zu Stein geworden ist und das Gehen verhindert, so schwer wiegt es. Doch die Hirten gehen los, einfach los, keine Ahnung vom Weg und wie das gehen soll, und keiner war jemals im Leben weiter rumgekommen als bis zum Waldrand am Ende der eigenen Vorstellungswelt. Hirten wie wir.

UND SIE KAMEN UND FANDEN BEIDE, MARIA UND JOSEF, DAZU DAS KIND IN DER KRIPPE LIEGEN.
Das ging zu Herzen, die junge Familie, mitten im Mist, alles roch nach Tier, zum Glück war's einigermaßen warm. Und Maria strahlt über beide Backen und Josefs Au-gen leuchten und das Kind schlummert. Und die Tiere sind einfach da und wärmen, und alle gehören zusammen. Die ungewaschenen Hirten, weder im Kindergarten ge-wesen noch zweite Fremdsprache gelernt noch jemals ein Buch gelesen, und keiner redet gern mit denen. Keiner, bis auf die heiligen Engel. Und den heiligen Gott. Genau die Hirten sind seine ersten Ansprechpartner. Denn sie sehen mit dem Herzen. Und ih-re Herzen sehen gestochen scharf und auf weite Entfernung, und was sie sehen, davon wird bis heute erzählt, das ist seither die Betreffzeile von Weihnachten: Gott sieht dich! Gott spricht mit dir! Gott interessiert sich für dich. So viel bist du ihm wert, dass er vom Himmel zu dir kommt. In diesem Jesuskind hat er das Heil gebracht, dir und der ganzen Welt. Da gehen die harten Herzen auf, und die Angst um die Zukunft, und die Angst vor dir selber lösen sich auf im „Fürchte dich nicht". Weihnachten meint dich, ja dich!

UND ALS SIE ES GESEHEN HATTEN, BREITETEN SIE DAS WORT AUS.
Und die Hirten, als sie das erzählten, zurück auf dem Feld, die heulten Rotz und Wassser dabei, und die Schafe schnieften, als sie das hörten: Heute dreht sich der Himmel und alle Sterne um dich, so viel bist du Gott wert. Da kann jetzt kommen was will, Angst hat hier keiner mehr. Hirten ohne Furcht in einer Welt voll Angst – ein Weihnachtswunder.
Und sie erzählten die Geschichte immer und immer wieder, und die Viehbesitzer schüttelten jedes Mal wieder den Kopf, die ollen Kamellen wieder, alles Quatsch, En-gel und Hirten, ja sicher. Da oben ist nichts, und hier unten ist die Steuerliste des Kai-sers. Aber die Schafe, die wollten jeden Abend wieder die gleiche Geschichte hören, und die Kinder kamen extra raus auf die Weide, und sie erzählten es ihren Freunden, ihr glaubt gar nicht, was wir gerade gehört haben, und einer erzählt es dem anderen, ob er dabei war oder nicht, ob er das glaubt oder nicht, es begab sich aber zu der Zeit.
Und so ist es bis heute geblieben, liebe Schwestern und Brüder, wir erzählen einander von dem Wunder, das zu Weihnachten geschieht. Gott wird Mensch, für dich und für mich, kommt aus dem Himmel mitten in dein Leben, egal wie weit weg von Gott du bist oder wie nah dran an ihm. Gott schenkt sich dir zu Weihnachten. Darum fürchte dich nicht. Ihr alle, fürchtet euch nicht!

 

Jan Freiwald, 24.12.2018