Aktuelle Predigt

Es gibt sie immer noch, die Kirche. Es gibt sie immer noch, diesen Haufen Steine, diese altehrwürdige Organisation, diese Gemeinschaft der Heiligen - also Menschen, die an Gott und Jesus Christus glauben. Für all das benutzen wir im Deutschen ja das Wort Kirche: das Gebäude, die Organisation, die Menschen. Alle drei gibt es immer noch, und eigentlich ist das ein ziemliches Wunder. Oder haben Sie sich nicht auch schon einmal gewundert, wie es sein kann, dass eine Idee, eine Organisation und manchmal sogar die dazugehörigen Bauwerke zweitausend Jahre überdauern können? So alt ist die Kirche, und dass es sie immer noch gibt, ist ein Wunder. Ein Wunder bei den Fehlern, die sie schon gemacht hat, bei der Verfolgung, der ihre Anhänger vielerorts ausgesetzt sind, bei der Ablehnung, die sie erfährt, auch in unserem Land. Viele hätten sie gerne längst abgeschafft, weil sie stört, weil sie teuer ist und angeblich zu nichts nutze sei.
Aber es gibt sie immer noch, und dafür können wir dankbar sein. Dankbar den Vätern unseres Grundgesetzes, die der Kirche einen Schutzraum gegeben haben, dankbar allen Kirchensteuerzahlern, mit deren Beiträgen sie finanziert wird, und dankbar den Millionen Ehrenamtlichen landesweit, die sich einsetzen. Dankbar auch, dass es noch Menschen gibt, die sich vorgenommen haben, die Arbeit in ihr zu ihrem Beruf, zu ihrer Beruung zu machen. Aber all das wäre nicht genug. Die Kirche wäre trotzdem längst unter-egangen, wenn sie nicht getragen und beschützt würde von dem Herrn, der sie ins Leben gerufen hat, vor immerhin zweitausend Jahren. Wir haben das seltene Glück, dass unser Kirchbau nach ihm benannt wurde, so können wir es eigentlich niemals vergessen, warum es uns gibt, die Jesus-Christus-Kirche.

Es fragt sich, warum Jesus Christus das tut, seine Kirche erhalten? Warum geht es nicht auch ohne Kirche? Eine einfache Antwort darauf gibt uns Paulus heute. Die Kirche oder besser die Menschen in ihr sind Diener Christi und Verwalter von Gottes Geheim-nissen. Im ersten Korintherbrief schreibt Paulus: „Dafür soll uns jeder halten: für Diener Christi und Verwalter von Gottes Geheimnissen.“ (1. Kor 4,1) Es gibt darum die Kirche noch, weil Gott immer jemanden braucht, der von seinen Geheimnissen redet. Verwalter von Gottes Geheimnissen! Habt ihr, liebe Schwestern und Brüder, euch die Sache schon einmal von dieser Seite aus angeschaut? Hier in dieser Kirche sind Gottes Geheimnisse versteckt! Und nicht nur hier, sondern überall da, wo Menschen in Gottes Namen zu-sammenleben. Wenn Christen miteinander reden, miteinander umgehen, miteinander lachen, weinen, hoffen, vergeben, dann ereignen sich Gottes Geheimnisse! Dann sind wir in heiligem Land. Das ist schwer zu glauben, wenn wir uns vorstellen, wie unheilig wir uns manchmal vorkommen, wie belanglos wir manche Tage zubringen und wie oft wir uns geradezu unwichtig vorkommen. Paulus würde sagen: Da habt ihr mal einen ganz falschen Eindruck von euch. Denn jede Minute können sich Gottes Geheimnisse ereig-nen, deren Hüterinnen und Hüter ihr seid.

Hüter von Geheimnissen - das klingt ein bisschen so wie in einem Fantasyroman. Die-se Gattung von Büchern ist ja momentan sehr beliebt, in den Buchhandlungen sind die Regale voll davon. In einem Fantasyroman gibt es immer eine Person, die von einem Geheimnis getragen ist. Sie hat etwas, was andere nicht haben, eine Fähigkeit, eine Ver-gangenheit, ein Wissen. Diese Buchhelden sind Geheimnisträger. Und ihr Ziel ist es, ihrem Geheimnis auf die Spur zu kommen, ihm gerecht zu werden, ihm zu dienen. Ihre Fähigkeiten einzusetzen und eine Aufgabe zu lösen, meistens das Böse zu besiegen. Nun gibt es ja auch bei Fantasyromanen gute und schlechte Bücher. Gut ist ein solches Buch, wenn wir uns mit den Helden identifizieren können. Wenn wir ihre Geschicke miterle-ben, als wären es unsere eigenen. Sie kennen das: Ein schlechtes Buch lässt uns nach wenigen Seiten einschlafen. Ein gutes Buch hält uns wach bis spät in die Nacht. Es geht uns zu Herzen. Es rührt uns zu Tränen. Es lässt uns lachen, auch wenn wir vielleicht sonst nichts zu lachen haben. Es zündet ein Feuerwerk in unserem Herzen. Denn wir er-leben die Geschichte der Helden darin mit, als wäre es unsere eigene.

Wie wäre es, liebe Schwestern und Brüder, wenn wir solche Helden wären? Genau wie in so einem guten Buch? Mit einem Geheimnis, das uns trägt, mit einer Fähigkeit, die uns über Gefahren hinweghilft, und einer Macht, der wir dienen? Paulus sagt: Wir sind es. Diener Christi und Verwalter von Gottes Geheimnissen. Wir haben auch ein Geheimnis, eine Fähigkeit, ein Wissen, das andere nicht haben. Und dieses Geheimnis lautet zusammengefasst: die Welt dreht sich wegen der Liebe. Liebe ist ihr Motor, und sie kommt von Gott. Gottes Liebe hat das alles in Gang gesetzt, dass es dich gibt, dass es mich gibt und all das um uns herum. Durch die Liebe von Jesus Christus bist du erlöst von den Sorgen um dich selbst. Darum kannst du gut sein zu dir selbst und hast auch noch Luft frei, an die anderen zu denken, die deine Brüder und Schwestern sind. Gottes Liebe trägt die Welt, das ist unser Geheimnis. Und wie bei den Romanhelden ist es unsere Aufgabe, dem auf die Spur zu kommen, ihm gerecht zu werden, ihm zu dienen. Ja, wir sind Helden! Helden in dem großen Buch Gottes, auf dessen erster Seite die Schöpfung steht und auf seiner letzten die Vollendung der Welt. Gott will mit uns zum Ziel kommen, wir sind die Hauptfiguren in seiner großen Geschichte der Welt.

Schon merkwürdig, dass Gott sich für eine Weltgeschichte solch unzuverlässige Geheimnisträger aussucht. Sehr gewagt und beinahe schon fahrlässig auch von Jesus Christus, dass er seine Gemeinschaft, die Kirche, auf solche Leute baut. Dass er uns gelangweilte, müde, oft enttäuschte und hilflose Menschen als Verwalter seiner Geheimnisse einsetzt! Aber, Liebe Schwestern und Brüdser, wen soll er denn sonst nehmen? Er hat niemanden außer uns. Es ist ein gefährliches Spiel, gefährlich für Gott und auch gefährlich für uns. So ein Verwalter riskiert ja bei seinem Job Kopf und Kragen, wie wir vorhin im Evangelium gehört haben. Verhält er sich untreu, erfüllt er seine Aufgabe nicht, dann läuft er Gefahr, rausgeworfen zu werden. Darum ist es ja so wichtig, dass wir uns selbst prüfen, was denn Gott uns, mir und dir ganz persönlich an Pfunden und Gaben mitgegeben hat. Was wir davon einsetzen können, damit Liebe mehr wird. Was wir tun können für das Reich Gottes. Ja, es ist schon so: Was du tust, bringt mehr Liebe und mehr Menschlichkeit in die Welt. Was du nicht tust, das wird dieser Welt fehlen.

Und so ist es eine Aufgabe auf Gedeih und Verderb, die die Kirche da hat und alle, die sich zu ihr halten. Und das, liebe Schwester und Brüder, das wissen die Menschen immer noch. Oder sie ahnen es zumindest. Auch die, die schon lange nichts mehr am Hut haben mit Kirche, wissen, dass hier eine Wahrheit lebt, ohne die sie letztlich nicht auskommen, dass nämlich ein anderer als sie selbst das Buch schreibt, dass ein anderer als sie selbst ihr Leben lenkt. Und dass sie keine Angst haben müssen. In der Kirche können wir hören von diesem Herrn der Welt. Hier werden seine Geheimnisse gelebt. Und mit Gottes Hilfe gehen sie zu Herzen. Sie rühren uns zu Tränen und lassen uns lachen, auch wenn wir vielleicht sonst nichts zu lachen haben. Sie entzünden ein Feuerwerk in unserem Herzen.

Eine Kirchenbank ist darum immer ein Platz mit Blick auf das Himmelreich. Und Menschen, die das begriffen haben, bleiben hier auch nicht die ganze Woche über sitzen, sondern gehen hinaus auf ihren Platz im Leben, um für diese Welt und ihre Menschen da zu sein. Als Diener Christi und Verwalter von Gottes Geheimnissen. Gut, dass es sie noch gibt. Menschen, die von Gottes Liebe bewegt werden. Sie sind die Kirche. Und wenn ihr einem von ihnen begegnet, grüßt ihn oder sie von mir und dankt Gott mit einem Lächeln, dass er sein Reich wieder ein Stück vorangebracht hat. Amen.

 

- Jan Freiwald, 10.10.21