Aktuelle Predigt

Liebe Schwestern und Brüder,
ich war so ungefähr elf Jahre alt, als ich verlorenging. Die Aufregung muss ziemlich groß gewesen sein, denn normalerweise war ich ein recht zuverlässiger Junge, damals. Aber dieses Mal kam ich nicht nach Hause, es war schon dunkel geworden, und keiner meiner Freunde, mit denen ich sonst so um die Häuser zog, wußte etwas. Meine Eltern hatten schon überall herumtelefoniert und wurden langsam immer nervöser, schließlich gab es bei uns in der Gegend ein großes Neubaugebiet mit vielen Baustellen, die auf Jungs in diesem Alter eine große Anziehungskraft ausübten, die aber mit Sicherheit auch sehr gefährlich waren. Nicht auszudenken, wenn ich da irgendwo hineingeplumpst wäre oder mich verletzt hätte?

Dabei hatte ich von der ganzen Aufregung gar nichts mitbekommen. Ich saß nämlich mehr oder weniger die ganze Zeit auf einem Baum und war damit beschäftigt, ein Baumhaus darin zu bauen. Darüber vergisst man schon mal die Zeit, und auch dass es schon ziemlich dunkel war, machte mir nichts aus. Ich hatte ja eine höchst wichtige Aufgabe zu erledigen. Ich war gar nicht verlorengegangen. Ich war an genau dem Ort, an dem ich sein musste. Jedenfalls aus meiner Sicht. Und wenn man so mit sich eins ist und mit der Aufgabe, die man zu lösen hat, dann vergisst man darüber auch schon mal die Zeit. Irgendwann fiel es mir aber doch auf, dass ich nichts mehr sehen konnte, und so zog ich wieder nach Hause, wo, ja... eine geringfügige Strafpredigt auf mich wartete.
Diese oder ähnliche Erlebnisse werden wohl die meisten Kinder und auch die meisten Eltern erzählen können. Es sind diese Erlebnisse an der Grenzlinie, wo die Kinder erwachsen werden und sich wissentlich oder einfach weil anderes jetzt wichtiger ist, über die Regeln der Eltern hinwegsetzen. Dass dies ganz normal ist und dazu gehört, wenn man seinen Platz im Leben finden will, sehen wir daran, dass so etwas auch Jesus passiert ist. Im Lukasevangelium, gleich nach der Weihnachtsgeschichte, steht:

Die Eltern von Jesus gingen alle Jahre nach Jerusalem zum Passafest. Und als er zwölf Jahre alt war, gingen sie hinauf nach dem Brauch des Festes. Und als die Tage vorüber waren und sie wieder nach Hause gingen, blieb der Knabe Jesus in Jerusalem, und seine Eltern wussten’s nicht. Sie meinten aber, er wäre unter den Gefährten, und kamen eine Tagereise weit und suchten ihn unter den Verwandten und Bekannten. Und da sie ihn nicht fanden, gingen sie wieder nach Jerusalem und suchten ihn. Und es begab sich nach drei Tagen, da fanden sie ihn im Tempel sitzen, mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte. Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten. Und als sie ihn sahen, entsetzten sie sich. Und seine Mutter sprach zu ihm: Mein Kind, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht. Und er sprach zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was mei-nes Vaters ist? Und sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen sagte. Und er ging mit ihnen hinab und kam nach Nazareth und war ihnen gehorsam. Und seine Mutter behielt alle diese Worte in ihrem Herzen. Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen. (Lukas 2,41-52)

Drei Tage Abwesenheit, in denen Jesus gesucht und nicht gefunden wurde. Drei Tage. Kein Wunder, dass Maria und Josef sich ungeheuer aufregen und Jesus die bitters-ten Vorwürfe machen: „Kind, warum hast du uns das getan?“ Lukas ist ja der Einzige unter den Evangelisten, der uns überhaupt etwas über die Kindheit Jesu erzählt. Nur in den nicht allgemein anerkannten Evangelien, den Apokryphen, wird mit viel Phantasie davon noch mehr berichtet. Und auch Lukas ist kein Biograph im heutigen Sinn. Wenn er uns diese Geschichte erzählt, dann nicht, um uns einen Einblick in die Kinderzeit Jesu zu vermitteln. Sondern er hat handfeste theologische Gründe: Er will zeigen, dass Jesus schon als Kind etwas besonderes war. Er hatte schon eine besondere Beziehung zu Gott, er wußte schon, dass sein Platz bei seinem himmlischen Vater war.


Aber gleichzeitig hatte er eine ganz normale Kindheit mit Gehorsam und Über-die-Stränge-Schlagen, mit Verlorengehen und Wiedergefundenwerden. Wir sehen daran, dass Jesus eben beides zugleich war: göttlich und menschlich. Wahr' Mensch und wahrer Gott. Lukas bringt das mit dieser Erzählung wunderbar zum Ausdruck, indem er beides vermischt. Beides geht ineinander über. Das sehen wir daran, wie hier mit dem Wort "Vater" umgegangen wird: „Dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht“, sagt Maria und redet dabei von Josef. Und Jesus antwortet: „Wusstet ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?“ Und damit meint er natürlich Gott. Sie reden aneinander vorbei. Für Lukas ist das aber kein Widerspruch. Es steht für ihn nebeneinander und ist zugleich eng verbunden, denn es heißt weiter von Jesus im Blick auf Maria und Josef: „Und er ging mit ihnen hinab und kam nach Nazareth und war ihnen gehorsam.“ Der göttliche Vater und der menschliche, sie erscheinen hier nebeneinander und sind gleich wichtig. Jesus hat zwei Väter. Wie wir alle ja auch. Und diese Geschichte zeigt, wie beide miteinander in Konflikt kommen. Wie bei uns ja manchmal auch. Jesus hatte sich deshalb von seinen Eltern abgesetzt, weil er hier einmal auf den Ruf seines himmlischen Vaters gehört hat, womöglich das einzige Mal während seiner Kindheit, genaueres wissen wir nicht. Der Rest seiner Kindheit ist in Dunkel gehüllt.


Aber dieses eine Ereignis genügt, schon weil es offensichtlich ein sehr normales ist: Kinder gehen eben nun auch manchmal verloren. Es genügt, dass wir sehen: Auch Jesus hat sich entwickelt. Er ist nicht als Wundertäter und als Verkünder des Reiches Gottes geboren, obwohl wir das an Weihnachten immer gerne so sehen. An Weih-nachten ist Jesus noch ein ganz gewöhnliches Kind, das nur durch die ungewöhnli-chen Begleitumstände mit Engeln, Hirten und Magiern zu etwas besonderem wird. Die Göttlichkeit ist zwar - irgendwie - in ihm angelegt. So wie bei uns. Aber er muss sie erst entdecken und sie zur Entfaltung bringen. Und das bringt ihn uns nahe, denn das ist ja auch unsere Aufgabe hier in diesem Leben: uns zu entwickeln, in jedem Jahr neu. Und das zur Entfaltung zu bringen, was Gott in uns gelegt hat. Bei Jesus verlief diese Entwicklung offensichtlich erfolgreich: Er "nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen", wie es heißt.


Es ist schön, dass wir einen solchen Entwicklungs-Text gerade am Anfang des neu-en Jahres zu bedenken haben. Die Rückblicke auf 2020 sind noch nicht verklungen, und wir sehen jetzt besser, was das zurückliegende Jahr uns gebracht und was es uns verwehrt hat. Aber jetzt geht es in eine neue, geschenkte Zeit hinein. Es muss und es wird sich etwas entwickeln, soviel ist klar. Aber werden auch wir uns entwickeln? Werden wir den Ort finden, an dem wir sein müssen? An dem wir eins mit uns sind und die Aufgaben erfüllen, für die wir bestimmt sind? Und wird man dann, am Ende dieses Jahres, in das viele mit so sorgenvoll und viele so hoffnungsvoll schauen, auch von uns sagen können: „Sie nahmen zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.“? Schön wäre es und wir wollen es uns wünschen!


Nun gibt es ja verschiedene Formen von Entwicklung. Manchmal kann ein solcher Prozess mit viel Druck verbunden sein, auch mit frommem Druck, sogar mit Druck, der krank machen kann. Da wird die Ergebnisorientierung gewaltig überzogen. In dem Fall ist es gut, wenn wir uns an die Losung für 2021 erinnern, die wir in diesen Tagen vielfach lesen oder hören, dass nämlich Jesus zu uns sagt: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ In diesem Sinne machen wir uns auf, den Ort zu finden und zu bewahren, der so ganz der unsere ist oder es in diesem Jahr sein soll. Als Jesus sagte: „Muss ich nicht sein in dem, was meines Vaters ist?“, da hatte offensichtlich schon der Zwölfjährige genau diesen Platz für sich gefunden. Möge es auch uns gelingen. Amen.

 

Jan Freiwald, 3.1.2021