Aktuelle Predigt

Nachdem man Paulus und Silas hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Aufseher, sie gut zu bewachen. Als er diesen Befehl empfangen hatte, warf er sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block. Um Mitter-nacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und die Gefangenen hörten sie. Plötzlich geschah ein großes Erdbeben, sodass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen und von allen fielen die Fesseln ab. Als aber der Aufseher aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen des Gefängnisses of-fen stehen, zog er das Schwert und wollte sich selbst töten; denn er meinte, die Gefan-genen wären entflohen. Paulus aber rief laut: Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier! Da forderte der Aufseher ein Licht und stürzte hinein und fiel zitternd Paulus und Silas zu Füßen. Und er führte sie heraus und sprach: Liebe Herren, was muss ich tun, dass ich gerettet werde? Sie sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig! Und sie sagten ihm das Wort des Herrn und allen, die in seinem Hause waren. Und er nahm sie zu sich in derselben Stunde der Nacht und wusch ih-nen die Striemen. Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen und führte sie in sein Haus und deckte ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause, dass er zum Glauben an Gott gekommen war. (Apg 16,23-34)

Liebe Schwestern und Brüder,

es gab mal eine Zeit, da wurden Christen zu den Extremisten gezählt. Sie waren Staatsgefährder, hatten Rede- und Demonstrationsverbot. Sie durften kein öffentliches Amt bekleiden. Statt dessen wurden sie von Sicherheitsbeamten verprügelt und kamen immer wieder ausgiebig in Untersuchungshaft und, wie unser Predigttext berichtet, sogar in den Hochsicherheitstrakt. Dort steckte man sie in den Block, das ist ein Fol-terinstrument, in dem man sich nicht mehr bewegen kann. Und damit gar nichts mehr passieren konnte, haftete der verantwortliche Sicherheitsmann mit seinem Leben für die Gefangenen.
Das alles war auch nach römischem Recht nicht ganz legal: jemanden so zu behan-deln ohne ordentliches Gerichtsverfahren. Aber die Sicherheit des Staates verlangt zu allen Zeiten in schwierigen Fällen schon mal besonderes Vorgehen.

Und Christen wie Paulus und Silas waren ein schwieriger Fall. Nichts brachte sie davon ab, ihre Botschaft zu verkünden, mitten auf der Straße und unter Provozierung von Menschenaufläufen und unerwünschten Versammlungen. Sie predigten über ei-nen Jesus von Nazareth, der der Christus, der Sohn Gottes sein sollte und dass man ihm folglich mehr gehorchen sollte als den Menschen. Und für einen solchen Men-schen hielten sie auch den göttlichen Kaiser von Rom. Christen waren damals ein schwieriger Fall.

Und heute? Gibt es denn keine Botschaft der Kirche zu den bedrängenden Fragen unserer Zeit? Man hat das Gefühl, dass sich die Kirche dieser Tage versteckt und wegduckt, wie das ja viele tun, nach dem Motto: Das alles geht schon irgendwann vorbei, und wir können ohnehin nichts tun. Keine Äußerungen, warum zum Beispiel nicht Asylbewerber ebenfalls mit Priorität geimpft werden sollten, wo sie doch in Heimen zusammengepfercht leben müssen. Keine Mahnungen, den Impfstoff doch bitte vor allem dorthin zu bringen, wo die Menschen noch viel mehr leiden als wir, etwa nach Afrika. Keine Verurteilung derer, die sich unrechtmäßig bereichern, und sei es nur an Gesichtsmasken. Und kein Wort davon, dass diejenigen, die an der Krise gut verdienen, doch bitte zur Kasse gebeten werden sollen, um die Not der anderen zu lin-dern, im Namen der Gerechtigkeit. Dabei braucht doch unser Land gerade in Zeiten wie diesen sein Christenvolk, das sich auf die Seite der Schwachen stellt, seine Botschaft verkündet und einen klaren Kopf behält.

Wie Paulus und Silas. Auch auf die Gefahr hin anzuecken und im hintersten Eck des Gefängnisses zu landen. Auch auf das Risiko hin, sich in sehr unbequemer Lage wiederzufinden. Eingeschlossen im Block hat man gerade noch die Frei-heit, mit dem Hintern etwas hin und her zu rutschen. Aber auch in dieser Situation bleiben Paulus und Silas ein schwieriger Fall. Sie verhalten sich nicht wie normale Gefangene. Kein Schreien, kein Fluchen, keine Parolen, keine dumpfe Stille und auch nicht, was uns zu einer vergleichbaren Situation einfallen würde: Not lehrt beten. Lieber Gott, wenn es Dich gibt, dann mach dies und das und bitte ganz schnell, dann will ich auch an Dich glauben und Dir danken, und dies und das tun ...

Nein, liebe Schwestern und Brüder, ein solches jämmerliches und vom Jammer er-fülltes Gebet hallt nicht durch die Gefängnismauern der Stadt Philippi. Die Not ist doch kein so überragender Lehrmeister in Sachen Gebet, wie der Volksmund behauptet. Beten will nicht erst in Notzeiten gelernt sein. Es könnte eher sein, dass man in Notzeiten feststellt, dass man es gar nicht kann, das Beten. Damit soll nicht gesagt sein, dass Gott auch noch das jämmerlichste Gebet erhört. Aber das Gebet, dass die Not des Paulus und Silas wendet, ist anders. Hier beten zwei, die mit ihrem Gott auch in guten Tagen eine Geschichte hatten. Um die Mitternacht aber beteten sie und lobten Gott. Für ihre Erfahrung mit ihrem Herrn Jesus Christus in den guten Tagen, für ihre Erfahrung mit dem Herrn, der sie erlöst, gesandt und bewahrt hat so viele Male und so viele Jahre. Und wenn die Not so groß und mächtig wird, dass einem aus dem eigenen Leben nichts mehr einfällt, dann sei Gott gelobt für seine Schöpfung, für alles Lebendige, für seine Geschichte der Treue nicht nur mit seinem Volk, für seine Ankunft auf unserer sich selbst bedrohenden und zerstörenden Welt. Für seine Liebe, die nicht einmal vor dem Tod Angst hat. So beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und es hörten sie die Gefangenen.

So geschieht es, dass im dunklen und gottfernen Winkel des Gefängnisses und des eigenen Schicksals Gottes Gegenwart herbeigerufen wird. So geschieht es, dass da, wo Tod und Teufel lachen und regieren wollen, Gottes Herrschaft ausgerufen wird. Und eben darin besteht das Lobamt der Christen. Als Gottesdienst und als Dienst an der Welt und ihren Menschen. Gerade angesichts einer Welt, in der es viel Ungerechtes, viel Deprimierendes und oft wenig Grund zum Loben gibt. Gerade deshalb: Kantate, singt und lobt Gott. Singt und lobt Gott in die finsteren Winkel eurer Welt und eurer Herzen hinein. Im Lobgebet wird Gottes Herrschaft ausgerufen.

Im Gegensatz zu so manchem Bittgebet, dass zeigt: Hier nimmt sich ein Beter in all seinem Leiden unheimlich ernst. Hier wird das Böse und Schlimme ernst genommen. Ein solches Gebet sagt: Das, was unser Leben bedroht und gefährdet ist unheimlich stark! Das Lob des Paulus und Silas im finsteren Kerker dagegen nimmt nicht den Kerker, sondern Gott ernst. Es singt davon, dass die rettende und befreiende Macht Gottes unheimlich ernst zu nehmen ist. Und das hören die Kerker und ihre Kerkermeister nicht gern. Das hört der Tod und seine Handlanger auf dieser Welt nicht gern. Sie wollen ernst genommen werden und dulden allenfalls, dass ihre Macht heruntergespielt wird. Das nützt ihnen.

Das Lob Gottes nützt ihnen nichts. Denn hier wird ihnen der Stärkere angesagt, vor dem die Felsen springen. Die Felsen, aus denen man Mauern und Verliese macht, die Felsen, aus denen man Grabsteine macht, wie den vor dem Grab des Christus. Das Lob des auferstandenen Herrn hört der Tod nicht gern.

Die Gefangenen, die mit Paulus und Silas im Gefängnis sitzen, hören es dafür um so lieber. Das Lobamt der Kirche ist deshalb ein öffentliches Amt. Und damit ist es ein politisches Amt. Denn wo das Lob des barmherzigen Gottes erschallt, kommt alle Unbarmherzigkeit an den Pranger. Dort, wo das Lob des gerechten Gottes erschallt, kommt alle Ungerechtigkeit und Willkür an den Pranger. Wo das Lob des Gottes erschallt, der alle Menschenkinder liebt, kommt aller Rassen- und Fremdenhass an den Pranger. Wo das Lob des Gottes erschallt, der sogar die verborgene Not sieht, kommt alle Gleichgültigkeit an den Pranger. Und damit gilt: Viel mehr als die Klage wird das Lob den Unheilsverhältnissen unserer Welt und denen, die sie aufrechterhalten, gefährlich.

Unser Predigttext erzählt es. Und sogleich öffneten sich alle Türen, und von allen fielen die Fesseln ab. Von allen wohlgemerkt. Freiheit für die Hälfte mag Gott ebenso wenig wie halbe Freiheit. Er schenkt allen die ganze Freiheit. Nicht nur die Freiheit wegzulaufen von diesem Ort der Qual und des Schreckens. Er schenkt allen sogar die noch größere Freiheit dazubleiben. Keiner verlässt das sinkende Schiff, denn hier wird die Hilfe gestandener Christen gebraucht, damit den Kerkermeister nicht das gleiche Schicksal wie seinen Kerker ereilt. So bleiben sie da und verhindern es.

So wird aus dem Kerkermeister einer, der sich retten lässt, nicht nur vor dem Messer in seiner eigenen Hand. Einer, der sich von Jesus Christus retten lässt, der fröhlich wird, obwohl da noch einiges au ihn zukommt. Trotzdem kann er von Herzen einstimmen in das Lob Gottes, das andere ganz unten in seinem Hochsicherheitstrakt angestimmt haben. Vor dem Lob des auferstandenen Christus ist kein finsteres Verlies und kein finsterer Kerkermeister sicher. Wer hätte das gedacht.

Darum, liebe Schwestern und Brüder, darum lobt Gott getrost mit Singen, mit Her-zen und Händen, heute und alle Tag. Die Hoffnung steht fest, das nichts, was uns Angst macht, vor dem Lob Gottes sicher ist. Tage werden kommen und Ewigkeiten, an denen wir mit Paulus und Silas fröhlich sagen dürfen: Wer hätte das gedacht?

 

Jan Freiwald, 2.5.2021