Aktuelle Predigt

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war. [ ... ] Und Gott sprach: Lasst uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alle Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau. Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herr-schet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht. Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. Und Gott vollendete am siebenten Tage seine Werke, die er machte, und ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte. So sind Himmel und Erde geworden, als sie geschaffen wurden. (Gen1, 1f.26ff.)

Liebe Schwestern und Brüder,

einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt
behaart und mit böser Visage.
Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt
und die Welt asphaltiert und aufgestockt
bis zur dreißigsten Etage.

Da saßen sie nun, den Flöhen entflohn,
in zentralgeheizten Räumen.
Da sitzen sie nun am Telefon
und es herrscht noch genau derselbe Ton
wie seinerzeit auf den Bäumen.

Sie hören weit, sie sehen fern,
sie sind mit dem Weltall in Fühlung.
Sie putzen die Zähne, sie atmen modern.
Die Erde ist ein gebildeter Stern
mit sehr viel Wasserspülung.

Sie schießen die Briefschaften durch ein Rohr.
Sie jagen und züchten Mikroben.
Sie versehn die Natur mit allem Komfort.
Sie fliegen steil in den Himmel empor
und bleiben zwei Wochen oben.
...
So haben sie mit dem Kopf und dem Mund
den Fortschritt der Menschheit geschaffen.
Doch davon mal abgesehen und
bei Lichte betrachtet sind sie im Grund
noch immer die alten Affen.

So schaut der Dichter Erich Kästner auf die Menschheit, von der die biblische Schöp-fungsgeschichte erzählt, sie sei als Gottes Ebenbild in die Welt gesetzt worden. Diese Schöpfungsgeschichte hat es schwer und ihre Auslegungsgeschichte ist nicht immer ein Ruhmesblatt. Wie oft musste sie als Alibi herhalten für all das, was der moderne Mensch unter Herrschen und Untertanmachen verstand? Dass der Mensch die Krone der Schöpfung sei, das kommt doch unserem Hang zur Überheblichkeit gerade recht! Dafür nehmen wir die Schöpfungsgeschichte gerne noch her. Ansonsten ist sie längst abgeschafft durch Darwins Evolutionstheorie. Jedes Kind weiß, dass die Erde und das Leben nicht in sieben Tagen, sondern in fünf Milliarden Jahren entstanden sind. Jedes Kind weiß aber hoffentlich auch, dass die Schöpfungsgeschichte als naturwissenschaftlicher Text gar nicht geschrieben wurde.

Naturwissenschaftlich gesehen ist es vielmehr ein großer Zufall (oder ein reines Wunder?), dass sich so etwas wie Leben überhaupt entwickeln konnte. In seinem Buch „Zufall und Notwendigkeit“ versucht der französische Nobelpreisträger Jacques Monod nachzuweisen, dass das Leben und besonders das menschliche nur durch eine Vielzahl von bedauerlichen Betriebsunfällen entstanden ist. Er schreibt: „Wenn er die-se Botschaft in ihrer vollen Bedeutung aufnimmt, dann muss der Mensch endlich aus seinem tausendjährigen Traum erwachen und seine totale Verlassenheit, seine radikale Fremdheit erkennen. Er weiß nun, dass er seinen Platz wie ein Zigeuner am Rande des Universums hat, das für seine Musik taub ist, und gleichgültig gegen seine Hoffnun-gen, Leiden oder Verbrechen.“ Und der Physiker Arthur Eddington: „Infolge einer einzigen Störung in der (kosmischen) Maschine – völlig belanglos für die Entwick-lung des Weltalls – wurden aus dem Sternenstoff, der seinem Schicksal versehentlich entging, einige Stückchen Materie von falscher Größe gebildet. Ihnen fehlte der reini-gende Schutz einer hohen Temperatur oder die gleich wirkende ungeheuere Kälte des Raumes. Der Mensch ist eines der grauenvollsten Ergebnisse dieses Versagens der an-tiseptischen Vorsichtsmaßnahmen.“

Der Mensch als Betriebsunfall, aus Versehen entstanden, nicht gewollt, sondern nur geduldet von einer ansonsten kalten und unwirtlichen Maschinerie, lieblos und endlos wie das Weltall. Das ist die naturwissenschaftliche Sicht. Wer bei Erich Kästner noch schmunzeln kann, den muss hier das kalte Grausen packen. Das Grausen vor einem leeren Zimmer, dem jede tröstliche Farbe fehlt. In dem sich der Mensch als das Er-gebnis eines grausamen Zufalls wiederfindet und das ihm keine andere Möglichkeit lässt, als sich vor sich selbst zu ekeln und sich zu hassen. Und wer weiß, ob der Weg der Menschheit nicht irgendwie auch von dort gespeist wird: Von dem bewussten oder unbewussten Willen, sich und das Leben auf diesem Planeten wieder abzuschaffen und den Fehler der kosmischen Maschine zu korrigieren.

Von den Engländern sagt man, sie wären ein Volk, das das Richtige erst dann tut, wenn es alles Falsche ausprobiert hat. Das darf man getrost von allen Völkern sagen. Und auch der Schöpfungsbericht der Bibel schaut betroffen zurück aus heillosen Ver-hältnissen. Er schaut zurück in die verlorene Heimat. Er reflektiert, was der Mensch einmal war und eigentlich wieder sein soll: Ein Bild Gottes. Repräsentant Gottes auf Erden. Repräsentant nicht seiner eigenen Herrschaft, sondern Repräsentant der Herr-schaft Gottes, der das Leben schafft und bewahrt. Aber der Mensch hat seinen Gott und sich selbst verloren. Er ist ein notorischer Verbraucher der Welt und des Lebens geworden, der sich mit dem dreißigsten Stock noch lange nicht zufrieden gibt und zit-ternd am Puls des Wachstums hängt, als wäre seine Welt beliebig vermehrbar. Haltlos ist er geworden, ohne Halt im doppelten Sinn: Er weiß nicht mehr, woran er sich fest-halten soll und er weiß nicht mehr, wann er anhalten muss.

Und weil wir beides so wenig wissen, sagt es uns die Schöpfungsgeschichte wieder. Wir sind nicht das Ergebnis eines blinden und verhängnisvollen Zufalls, sondern Ausfluss des Willens Gottes. In seinem Buch „Kinder des Weltalls“ schreibt der Physiker Hoimar von Ditfurth: „Ungezählte Milliarden Sonnen mussten entstehen und wieder zugrunde gehen, damit es den Stoff geben kann, aus dem unsere Welt gemacht ist und wir selbst bestehen. Unermesslich große Räume waren notwendig, um auf dieser ver-gleichsweise winzigen Erde die Bedingungen entstehen zu lassen, unter denen allein sich Leben entwickeln kann. ... Der Weltraum, durch den wir mit unserem Sonnensys-tem reisen, hat für uns ein neues Gesicht bekommen. Er ist nicht mehr die kalte, lebensfeindliche Leere, in der wir als beziehungsloser Zufall zu existieren glaubten. Es ist unser Weltraum“. Das könnten Sätze sein aus einer Schöpfungsgeschichte nach dem heutigen Stand der Wissenschaft.

Einer Schöpfungsgeschichte, die Besseres kann als unsere Überheblichkeit zu be-dienen, weil sie menschliches Herrschen an Gottes Herrschaft bindet. Und diese Herr-schaft ist so gar nicht nach unserem Bilde. Gottes Herrschaft ist in der Bibel an zahllo-sen Stellen dokumentiert als die Fähigkeit, sich selbst zu begrenzen. Gott setzt seine Macht dazu ein, seine eigene Macht zu begrenzen. Sogar die Schöpfung selbst ist hier-für ein Ausdruck, weil Gott durch die Schaffung der Welt etwas neben sich sein lässt. Gott verwirft die Sintflut als Möglichkeit, seine Welt zu bessern, verzichtet auf die Zeichen seiner Macht und wird ein machtloser Mensch in Jesus, der Christus heißt, weil in ihm Gott alles tut, um das Leben zu retten. Die Allmacht Gottes ist die Macht der Liebe, die sich selbst begrenzt zugunsten des Lebens. Und wir sehen daran, was die Schöpfungsgeschichte meint, wenn sie vom Menschen als Gottes Ebenbild spricht. An der Fähigkeit zur Selbstbegrenzung zeigt sich wahre Menschlichkeit. Davon zu sprechen und danach zu leben, wird eine Überlebensangelegenheit für uns sein. Und wir sehen daran, wie modern die Schöpfungsgeschichte ist.

Ein Sprichwort sagt, erwachsen sei man dann, wenn man etwas tut, obwohl die eigenen Eltern es empfohlen haben. Zum Bilde Gottes werden wir, wenn wir etwas tun und noch vielmehr etwas lassen, obwohl unser himmlischer Vater es empfohlen hat. Dann werden sogar aus alten Affen Kinder Gottes. Amen.

 

- 2.7.2022 Jan Freiwald

 

- Jan Freiwald, 5.6.2022