Aktuelle Predigt

Sie wissen wahrscheinlich, was ein Herrgottswinkel ist? Das ist in manchen christlichen Häusern, vor allem auf dem Land, aber auch in der Stadt, eine Ecke, ein Winkel, der für religiösen Schmuck freigehalten wird. Dort hängt dann zum Beispiel ein Kruzifix, in der Ecke leicht erhöht, damit Jesus einen guten Blick hat, manchmal stehen Kerzen davor oder ein Bild. Ein kleiner Hausaltar sozusagen. Eine kleine Nische im ansonsten modern und zweckmäßig eingerichteten Wohnzimmer. Eine kleine Stelle an der Wand, an der das Leben vorbeirauscht, die leicht Staub ansetzt, aber von der wir froh sind, dass sie da ist, denn hübsch ist das ja schon, und es ist doch auch ein gutes Gefühl, wenn Gott oder Jesus sozusagen „da“ sind, und wir uns gelegentlich an ihn erinnern, wenn unser Blick auf ihn fällt.

Wenn das, liebe Schwestern und Brüder, schon alles wäre, was Gott kann: den aufmerksamen Zuschauer an der Wand spielen, dann wäre an Pfingsten eine Kirche entstanden, die die Welt nicht braucht. Dann hätten wir keinen Grund, heute ihren Geburtstag zu feiern. Dann wäre der Heilige Geist, den der Christus der Welt nach seiner Himmelfahrt überlässt, nichts anderes als der freundliche Vertröster, der allem noch ein wenig frommen Glanz verleiht, damit wir im Trubel der Zeiten nicht ganz untergehen. Alles wird gut - aber nur in der frommen Ecke. Ansonsten herrscht das Chaos und alles, was in der Welt so Gang und Gäbe ist. Und Ludwig Feuerbach lächelt still in seinem Grab: Ich hatte recht. Religion ist Opium fürs Volk. 

Welchen Platz das Göttliche in unserem Leben bekommt, sachlicher gesagt: wie unser Glaube Gestalt gewinnt, das ist eine Frage, die so erst der Mensch der Neuzeit stellen kann. Der hat nämlich im Vergleich zum antiken Menschen einen verdrehten Blick. Er steht in seinem Wohnzimmer, das er für das wahre Leben hält, in seinen rational und zweckmäßig eingerichteten und durchorganisierten vier Wänden und über-legt: Wo hänge ich jetzt noch Gott hin? Pfingsten denkt genau andersherum. Nicht wir finden einen Platz für Gott. Er sucht sich selber einen. Die Kirche ist nicht die Organisation, die die Aufgabe hat, Gott einen anständigen Platz in der Welt zu sichern. Kirche ist der Teil der Welt, der das Wort des Christus hört, der sich zu ihm hinkehrt und ihn vor Augen hat. Das ist schon alles, was die Kirche und die Menschen in ihr immer wieder tun können und sollen. Sich zu Gott hinkehren. Und das Wunder, das dann passiert, beschreibt Jesus im ersten Satz unseres Predigtwortes. Zu dem Menschen der solches tut, werden er und sein himmlischer Vater kommen und Wohnung bei ihm nehmen.

In der alten Lutherbibel stand noch die wörtliche Übersetzung: Zu dem werden wir kommen und Wohnung bei ihm machen. Gott und Jesus werden kommen und Wohnung bei uns machen. Es ist also nicht so, dass wir Gott und seinem Geist erst einen Herrgottswinkel in uns einrichten müssten, der dann von Gott bezogen wird. Es ist genau andersherum: Gott ist der Innenarchitekt. Er wird kommen und Wohnung bei uns machen. Wir dürfen uns das als einen höchst unberechenbaren Vorgang vorstellen, der mit Vorsicht zu genießen ist. Denn wenn der Heilige Geist in uns für Gott selbst eine Wohnung einrichtet, dann müssen wir draußen bleiben, dann haben wir kein Mitspracherecht und dann können wir sicher davon ausgehen, dass der Heilige Geist sich nicht an den Platz halten wird, den wir Gott in unserem Leben und in unserem Innenleben für religiöse Bedürfnisse zugewiesen haben. Wir werden in Zukunft auch keinen Schlüssel zu dieser Wohnung bekommen und damit keine Chance haben, die Einrichtung unseren Vorstellungen anzupassen. Über die Wohnung, die Gott in uns nimmt, verfügen wir nicht. 

Wir können also nur bang lauschen und zusehen, was der Heilige Geist in uns an-stellt, wenn Gott seine Wohnung einrichtet. Erst mal wird sauber gemacht. Als erstes fliegt der ganze fromme Plunder, der uns bisher immer über die Runden gebracht hat, zum Fenster raus. Samt dem selbstgebastelten Heiligenschein. Dann kommt alles, was bei Hempels unterm Sofa liegt, an die Reihe. Schon möglich, dass wir im Boden versinken müssen, wenn der ganze Dreck zum Vorschein kommt. All die unbezahlten Wechsel und Schuldscheine, all die offenen Rechnungen, die wir irgendwann an passender Stelle jemand triumphierend auf den Tisch hauen wollten. Alles fliegt raus. 

Dann werden die Möbel umgestellt. Die, die wir immer für die ansehnlichsten und wertvollsten gehalten haben, alles, was gut und teuer war, wird nach hinten geräumt. Ja, wir stellen zu unserem Entsetzen fest, dass der Heilige Geist in uns sich nicht nur seinen Herrgottswinkel selbst einrichtet, wie er will, sondern dass von dort aus sozusagen der ganze Mensch neu eingerichtet wird. 

Nicht zufällig kümmert sich der Heilige Geist dabei auch um unseren Mülleimer. Nimmt vorsichtig das eine oder andere ramponierte Stück wieder heraus, um es vor-sichtig und aufwendig zu reparieren. Die kindliche Zärtlichkeit zum Beispiel, die mitleidende Verletzlichkeit, die vorsichtige Achtsamkeit, die wir schon vor langer Zeit als unbrauchbar und hinderlich für diese Welt weggeworfen hatten. Fast hatten wir ihn schon vergessen, den Traum von einer besseren Welt, den der Heilige Geist wieder findet, und der nach all den Jahren so viel neue Farbe vertragen könnte. Die Hoffnung, dass das Gute doch noch siegt und wir nicht alleine bleiben, wenn unsere Welt zu En-de geht. Das und vieles andere holt der Heilige Geist wieder hervor. Schließlich auch das, was von unserer Selbstachtung noch übrig ist, was wir in falscher Demut für letzten Stolz hielten und deshalb weggeschmissen haben. Der Heilige Geist hüllt es in seinen Glanz; zeigt mir mich selbst als Gottes Kind. Gottes Kinder verachten sich nicht und keiner darf sie verachten. 

Und vielleicht rufen wir: Hör auf, es tut weh! Dann lächelt der Heilige Geist, weil er weiß, dass er sein Werk erfolgreich vollbracht hat. Ja, ab nun werden wir immer noch in der Welt sein, aber schon nicht mehr von dieser Welt. Denn es regiert uns nicht mehr, was in der Welt Gang und Gäbe ist, sondern der Geist Gottes. Dann wird es uns weh tun, wie es dem Christus weh getan hat und weh tut, wenn in der Welt auf dem Leben, dem Frieden, der Freiheit und der Gerechtigkeit herumgetrampelt wird. Dann werden wir in Konflikt geraten mit denen, die solches verleugnen, unter den Teppich kehren, für normal halten oder fromm entschuldigen. Dann wird sich so mancher christliche Seelenfrieden als geistloses Mitläufertum offenbaren. Das geschieht in der Kirche immer dann, wenn sie taub wird für das Wort ihres Herrn und auf dieses nicht mehr angesprochen werden möchte. Denn der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe. 

Landauf, landab finden wir eine Diskussion über das, was die Kirche eigentlich sei und wie sie sich eine Form geben kann, in der sie ihren Auftrag trotz geringer werdender Mittel gerecht werden kann. Berliner Gemeinden waren der Meinung, hierzu müsse das Evangelium befragt werden. Die Kirchenleitung war anderer Meinung. Es sei abwegig, die heutige Gestalt der Kirche aus der Bibel abzuleiten. Hierzu müsse man die moderne betriebswirtschaftliche Organisationstheorie heranziehen.

Das tut weh. So weh wie ein Herrgottswinkel, wenn er nur religiöser Schmuck sein darf. Da lächelt der Heilige Geist, weil er weiß, dass er sein Werk in uns vollbracht hat. Und wir sollten auch lächeln. Nicht nur weil heute Pfingsten ist, sondern weil wir wissen, dass es grundfalsch wäre, solch trostlosen Kirchenleitungen und Herrgotts-winkeln den Heiligen Geist abzusprechen. Um Gottes Willen nicht! Wir haben statt-dessen die Hände zu falten und um so heftiger für die Kirche, ja für die ganze Welt um Gottes Geist zu bitten. Denn der Heilige Geist ist das, was die Kirche mit der ganzen Welt am dringendsten braucht, damit sie bei Trost ist. 

Dass durch den Heiligen Geist Gott in uns Wohnung macht, Leib und Seele, Herz und Verstand neu einrichtet, wie es ihm gefällt, das verleihe Gott uns und aller Welt. Amen.
 

- Jan Freiwald, 19.5.2024