Aktuelle Predigt

Liebe Gemeinde,
es gibt im Gesangbuch ein Lied, das kann man nur in einem Monat im Jahr singen. Nämlich jetzt. Und weil das so ist, gibt es zum Glück auch andere Texte für dieses Lied mit seiner wunderschönen Melodie. Heute aber, weil Mai ist, dürfen wir es im Original singen: Wie lieblich ist der Maien aus lauter Gottesgüt! Und weil obendrein auch noch der Sonntag "Kantate" ist, nehmen wir uns dieses Lied einmal ganz zu Her-zen und schauen es uns genauer an.

Martin Behm hat dieses Lied vor mehr als 400 Jahren gedichtet. Er war Lehrer und Pfarrer in seiner Heimatstadt Laubau in der Oberlausitz. Die liegt im Osten von Berlin. Martin Behm lebte in einer Welt, in der sich keiner von uns zurechtfinden würde: keine Smartphones. Kein Strom. Keine Autos, kein fliessendes Wasser. Keine Kaffeemaschine, kein Amazon. Was für eine Zeit, wirklich anstrengend. Und umgekehrt: Wäre Martin Behm in unsere Zeit versetzt worden: wäre er mindestens genauso hilflos. Unsere Verkehrsdichte würde ihm panischen Schrecken einjagen, er würde nicht einmal heil über den Klei-nen Stachus kommen. Im Supermarkt wäre er genauso überfordert wie am Fahrkartenautomat der Deutschen Bahn. Obwohl, das geht ja sogar vielen von uns manchmal so.

Und trotzdem: Das Lied, das er geschrieben hat, überspringt mühelos die Zeiten. Es kommt aus einer anderen Zeit und spricht uns doch unmittelbar an. Das ist immer so, wenn ein Song gut gemacht ist: Was er sagen will, ist kompatibel zu den Gefühlen der Hörerinnen und Hörer, auch wenn Situation oder Zeit anders geworden sind. Das liegt natürlich auch an der Melodie. Wenn sie eine Stimmung gut wiedergibt, dann geraten wir in genau diese Stimmung, wenn wir das Lied hören. Und meistens dann auch sofort mitsingen oder mitsummen.

So ist das auch bei "Wie lieblich ist der Maien". Die Melodie war früher mal ein Frühlingstanz. Das hört man immer noch. Das Lied hat Menschen in Bewegung ge-bracht, es klingt nach Hüpfen und Tanzen. Und selbst wir trockenen Protestanten, die wir in unseren Gottesdiensten eher nicht so hüpfen und tanzen, fangen an zu wippen, wenn diese Melodie erklingt. Wenigstens innerlich.
Und dann ist da natürlich auch noch der Text:
Wie lieblich ist der Maien aus lauter Gottesgüt,
des sich die Menschen freuen, weil alles grünt und blüht.
Die Tier sieht man jetzt springen mit Lust und grüner Weid,
die Vöglein hört man singen, die loben Gott mit Freud.

Jedes Jahr um diese Zeit denke ich mir, und dieses Jahr ganz besonders, weil Corona war: Das war ein langer, kalter, einsamer Winter. So wie es George Harrison schon gesungen hat. Aber jetzt ist er Vergangenheit. Der Winter. Ich weiß, die Eisheiligen kommen noch, aber wen kümmert das? Und ich habe letzte Woche mal kurz nachgedacht, welche Lieder mir aus meiner Kindheit über den Mai einfallen. So ganz hinten versteckt im Unterbewußtsein. Ja, wir haben früher noch Volkslieder gesungen. Sie sicher auch. Welche Lieder über den Mai fallen Ihnen ein? (...) So viele Lieder über den Mai. Mir ist aber kein Lied über den Juni eingefallen. Oder den November. Also: Es muss etwas am Mai sein, dass es so viele Lieder über ihn gibt. Und natürlich ist das das Erwachen der Natur und die Freude darüber, dass die Sonne wieder da ist und damit auch wieder Wachstum, Vitamin D und früher auch ganz einfach: Nahrung. Wenn Sie an einem blühenden Rapsfeld vorbeigehen, dann brummt es vor lauter Bienen wie ein Hub-schrauberlandeplatz, und Sie stehen in der Pracht der Schöpfung und können vor lauter Rührung nichts als staunen. Und erst die Vögel! Ich bin ja nicht so begabt im Unterscheiden der Vogelstimmen, aber dass es viele sind und ganz unterschiedliche, das hört jeder.

"Die loben Gott mit Freud".- heißt es in dem Lied. Jaja, ich weiß: Wissenschaftlicher Betrachtung hält das nicht stand. Objektiv gesehen sind Vogelstimmen nichts weiter als Signale. Notwendig im Kampf ums Überleben. Wie alles in der Natur für sich betrachtet auf eine objektive Ursache zurückgeht, die mit unseren Gefühlen und Deutungen überhaupt nichts zu tun hat. Macht aber nichts! Denn Wissenschaft ist immer der Schritt zurück, von dem aus man dann die Dinge mit Abstand betrachtet, objektiv eben. Aber in die Schöpfung sind wir mit einbezogen, wir sind ein Teil von ihr. Darum erleben wir immer wieder, dass sie uns anspricht, dass sie uns etwas zu sa-gen hat. Ohne einen Schritt zurück. Und das ist mindestens genauso wertvoll wie wis-senschaftliche Forschungsergebnisse. Denn es ist Ansprache Gottes an uns, Gestalt gewordenes Wort und darum durch und durch Kommunikation seiner Güte. Wer sich dafür öffnet, hört ganz von selbst da draußen einen großen Lobgesang. Singen wir sie, die erste Strophe.

Herr, dir sei Lob und Ehre für solche Gaben dein.
Die Blüt zur Frucht vermehre, lass sie ersprießlich sein.
Es steht in deinen Händen, dein Macht und Güt ist groß
Drum wollst du von uns wenden Mehltau, Frost, Reif und Schloß.
In der zweiten Strophe folgt auf das Lob die Bitte darum, dass der so lang ersehnte Neuanfang auch Früchte trägt. Denn zwischen Blühen und Einfahren der Ernte liegt eine lange Zeit. In der viel passieren kann. Wie oft erleben wir, dass die schönsten Blüten zunichte gemacht werden durch unvorhergesehene Ereignisse, manchmal durch eigenes Verschulden, manchmal nicht, und all die schöne Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Früher konnten ganze Ernten durch ein einziges Ereignis zunichte ge-macht werden, dem man viel schutzloser ausgeliefert war als heute, eben Mehltau oder Frost oder Hagel. Heute in Zeiten der Erderwärmung könnte man das noch er-weitern auf Dürren und Wassermangel auf der einen und Überflutungen und Unwet-terschäden auf der anderen Seite. Es sind menschengemachte Katastrophen, die heute die Erde heimsuchen, und wie immer treffen sie die Ärmeren schwerer als die Rei-chen, die sie doch verursachen. Und die Sorge wächst, dass wir den selbst verursachten Klimawandel nicht mehr in den Griff bekommen. Stichwort 1,5 Grad. Aber Gottes Macht reicht weit. Und er kann auch Menschen bewegen und ändern. „Es steht in dei-nen Händen. Dein Macht und Güt ist groß.“ Singen wir Strophe 2.

Und wenn Gott unsere Bitte nicht erfüllt und das Unglück nicht abwendet? Wenn das Leben ganz anders verläuft, als wir uns das gewünscht und von Gott erbeten ha-ben? Warum lässt Gott das zu? Ich habe darauf schon so viele Antworten gehört, sie auch selber zu geben versucht. Keine davon überzeugt, keine davon macht ruhig. Die Frage bleibt offen. Sie ist der große Schatten auf dem Leben, sie kann das Herz ver-finstern, dass wir Gottes Wege nicht verstehen und manchmal daran verzweifeln. Auch Martin Behm kennt sich aus mit der dunklen Seite des Lebens. Und der Macht. Er hat eine Predigtreihe über Krieg und Teuerung geschrieben, in der er deutlich macht, was Menschen einander alles antun können. Könnte man heute auch wieder tun. O ja, leicht fällt uns in diesen Zeiten etwas ein, was "das Herz verfinstert". Was sich auch mit Sonnenbad und Blütenduft nicht verjagen lässt. Ein Blick in die Nach-richten genügt. Da kann es dann mitten im Jubel über die Schönheit des Frühlings im Herzen ganz schnell dunkel sein.
Schick mir dagegen, lieber Gott, die Sonne in mein Herz, damit ich wieder fröhlich sein kann. So heißt es in Strophe drei. Genau wie Frühling und Sprießen und Frucht-bringen ist auch die Fröhlichkeit etwas, worum wir bitten. Weil wir sie nicht selbst machen können. Jedenfalls ganz oft nicht. Und schon gar nicht auf Bestellung. Und am wenigsten, wenn wir sie am nötigsten brauchen. Darum:
Herr, lass die Sonne blicken ins finstre Herze mein,
damit sichs möge schicken, fröhlich im Geist zu sein,
die größte Lust zu haben allein an deinem Wort,
das mich im Kreuz kann laben und weist des Himmels Pfort.
Singen wir sie, die Strophe drei.

Mein Arbeit hilf vollbringen zu Lob dem Namen dein,
und lass mir wohl gelingen, im Geist fruchtbar zu sein.
Die Blümlein lass aufgehen von Tugend mancherlei,
auf dass ich mög bestehen und nicht verwerflich sei.
In der letzten Strophe schließlich werden zwei Bereiche zusammengebracht, die bei uns oft nicht so sehr miteinander verbunden werden: Die Arbeit und das Lob Gottes. Was hat beides miteinander zu tun? Die wenigsten Menschen verstehen ihre Arbeit noch so, dass sie durch ihre Ausführung Gott loben. Dabei ist das etwas sehr wichtiges: das Gefühl zu haben, was ich tue, steht in einem größeren Zusammenhang. Ohne mich würde ein Teil des großen Ganzen fehlen, ein kleines vielleicht, aber es würde fehlen. Natürlich war auch das früher in einer landwirtschaftlichen Gesellschaft einfa-cher zu verstehen als heute, aber im Prinzip ist der Gedanke derselbe geblieben: Auch im Büro oder auf der Dienststelle sorge ich dafür, dass der Laden läuft und dass es sich in Gottes Welt gut leben lässt. Jeder, der arbeitet, tut seinen Teil dazu. Und da es Gottes Welt ist, dienen wir letztlich ihm und nicht unserem Arbeitgeber.

Und natürlich ist dabei, im ganzen Berufsleben und darüber hinaus, viel Platz für Tugend. Das ist eines von diesen Worten, die alt sind, von denen aber irgendwie jeder noch eine Ahnung hat, was sie bedeuten. Tugend ist, das Richtige zu tun. Nicht nur davon zu reden, sondern es auch zu tun. Überlegt zu handeln und spontan zugleich, sich an die Regeln zu halten und sie wenn nötig auch mal zu ignorieren, den Men-schen zu dienen und auch Gott, einen Weg zurückzulegen und an sein Ziel zu kom-men. Also alles und in allem viele bunte Blüten zu treiben, an die die Menschen sich erinnern, wenn wir mal nicht mehr sind. So gesehen ist diese vierte Strophe von Mar-tin Behm sehr modern, denn Frucht zu bringen und im Leben zu bestehen, das ist auch heute noch die Sehnsucht der Menschen. Aber es soll nicht streng und verbissen ge-schehen, sondern fröhlich und bunt, so wie es ja auch hier heißt: Die Blümlein lass aufgehen von Tugend mancherlei.

Das alles an Gott zurückzubinden und von ihm die Erfüllung zu erbitten, das wie-derum erfordert eine Größe, die nicht alles von sich selbst erwartet, sondern sich auch geleitet und getragen weiß. Tun wir es jetzt am Schluß des Liedes, bitten wir Gott um Erfüllung unseres Lebens, dass wir Menschen werden, die wie Blumen wirken: einen wohltuenden Duft verbreiten und den Betrachtern Freude machen. Das Amen singen wir mit Strophe 4.

 

- Jan Freiwald, 15.5.2022