Aktuelle Predigt

So ermahne ich euch nun, ich, der Gefangene in dem Herrn, dass ihr der Berufung würdig lebt, mit der ihr berufen seid, in aller Demut und Sanftmut, in Geduld. Ertragt einer den andern in Liebe und seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens: ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu ei-ner Hoffnung eurer Berufung; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe; ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen. (Eph 4, 1-6)

Liebe Schwestern und Brüder,
neulich konnte man in einem Magazin unter dem Titel „Du sollst deinen Nächsten nicht zu nahe an dich heranlassen“ drei Geschichten lesen, bei denen einem das Lachen im Hals stecken bleibt.
Da hatte ein alter Mann das Pech, seinen Geldbeutel samt Schlüssel im Wagen einzusperren. Als er eine junge Frau um einen Anruf auf ihrem Handy bitten wollte, bekam ihm das schlecht. Er fand sich im Krankenhaus wieder. Die junge Frau hatte gerade einen Selbstverteidigungskurs absolviert und hielt ihn für einen Sittenstrolch.

Schlimm erging es auch einem Mann, der seine beiden kleinen Enkel bei einem Verkehrsunfall verloren hatte. Nachdem er auf einem seiner Spaziergänge mit Hilfe von Schokoriegeln Kontakt zu Kindern gesucht hatte, wurde die Polizei alarmiert und das Gelände umstellt. Bis sie eingriff, hatten treusorgende Väter dem Kinderschänder schon eine Abreibung verpasst.

Und schließlich war da noch die Studentin, die sich bei einem Meinungsforschungsinstitut etwas dazu verdiente. Als sie bei einer alten Dame klingelte, um ihr ein paar Fragen zu stellen, wurde sie aus der halb geöffneten Tür von einem Strahl Reizgas empfangen und in die Besenkammer gesperrt, wo die alte Dame die Betrügerin für die Polizei aufbewahrte.

Erst draufhauen und dann reden, das ist nicht zum Lachen. Erst verurteilen und dann vielleicht verstehen, das ist nicht zum Lachen. Angst und Misstrauen grassieren in un-serer Gesellschaft, in der inzwischen zwei Drittel der Menschen allein im Haushalt leben. Und wo der vorauseilende Argwohn regiert, nimmt man gerne lieber zuerst das Schlechteste an und macht den anderen zu jemandem, dem alles zuzutrauen ist. Oder warum hören denn die Geheimdienste dieser Welt jede und jeden ab? Weil inzwischen alle unter Generalverdacht stehen. Da geht es nicht nur um unsere Grundrechte, son-dern auch um das Grundvertrauen, ohne das eine Gesellschaft nicht funktionieren kann. Man könnte ja meinen, durch Corona und die Flüchtlingsströme und den Ukrainekrieg rückt unsere Gesellschaft dichter zusammen und besinnt sich auf das, wichtig ist, was Gemeinschaft fördert. Zum Teil ist das auch so, Gott sei Dank. Dazu passen die Worte des Apostel Paulus: Ertragt einer den anderen in Liebe, demütig, sanftmütig, geduldig. Ach ja, so sollte es sein.


Aber es gibt andere Erfahrungen, wie eben gehört. Und es gibt sie auch in der Kir-che. Die Menschen, die sich zur Kirche halten, sind ja nicht besser als die "da drau-ßen". Sie bringen die Angst und das Mißtrauen, das sie überall erleben, mit. Und so gibt es das auch in der Kirche, dass erst verurteilt und dann nicht einmal mehr zuge-hört wird. Es haben uns schon Menschen den Rücken gekehrt, weil sie dachten, sie würden hier eine liebevollere Gemeinschaft erleben als die, die sie "draußen" haben, und enttäuscht wurden. Wir sagen von uns, dass wir jede und jeden mit offenen Ar-men empfangen, aber tun wir das wirklich? Wir sagen von uns, dass wir unvoreinge-nommen auf jeden zugehen, aber tun wir das wirklich? Es ist immer einfacher, sich zu denen zu halten, die man schon kennt, die zu einem passen, von denen man weiß, was man zu erwarten hat. Das ist in jeder Gemeinschaft so. Und die anderen, die man nicht kennt, die vielleicht ein bisschen anders sind, werden mit Argwohn betrachtet.

Dabei, das wissen Sie aus eigener Erfahrung, dabei ist der erste Eindruck, der erste Kontakt immer der entscheidende. Was zählt, ist, wie wir empfangen werden, und zwar bevor uns der andere kennt und einordnen kann. Denn da, solange wir noch un-bekannt sind, sagt uns das Lächeln des anderen, dass wir wirklich so sein können, wie wir sind, ohne Vorbedingungen. Ein argwöhnischer Blick dagegen ist wie eine Prü-fung: Zeig du erstmal, wie du bist, ob du dazu passt, ob du unser Vertrauen verdienst.

Wohl uns, wenn wir die Menschen nicht mißtrauisch empfangen, sondern mit einem wohlwollenden Blick. Denn hier ist Kirche Jesu Christi. Hier ist die Gemeinschaft des Jesus von Nazareth, der den Seinen ein neues Gebot gibt: Dass ihr euch liebt unterein-ander wie ich euch geliebt habe. Hier fordert der Christus die Liebe unter uns ein, die er jedem von uns schenkt und zuspricht. Wir können uns nicht an den Tisch des Herrn setzen und dem anderen die Tischgemeinschaft verwehren. Wir können uns nicht Got-tes Gnade und Vergebung zusprechen lassen und einander die Barmherzigkeit verwei-gern. Wir können nicht zur Familie Gottes gehören und andere aus der Gemeinschaft ausschließen. Und das gilt natürlich nicht nur für den nahen, sondern auch für den fer-nen Nächsten, der bei uns Schutz sucht vor Terror, Krieg und Verfolgung. Wir können nicht den Gott predigen, der uns Menschen ins Herz schaut und eine Kirche sein, der ihre Ruhe, ihre Fassade und der äußere Schein wichtiger sind.

Darum ermahne ich euch nun, sagt Paulus, dass ihr einander ertragt in der Liebe. Dazu gehört mehr Mut, als zum Reizgas zu greifen. Unser Predigttext nennt drei Ar-ten von Mut:
Demut. Den Mut, den anderen wert- und hochzuschätzen, auch wenn er schwierig ist und in meinen Augen verkehrt.
Sanftmut. Den Mut großzügig zu sein, zu vergeben ohne die Angst, ausgenutzt zu werden und als Schwächling dazustehen.
Langmut. Den Mut zum Aushalten. Die Geduld, die dem anderen Zeit lässt.

Für diese drei Arten von Mut, liebe Schwestern und Brüder, müssen wir nicht mah-nend den Zeigefinger heben. Erinnern wir uns nur einmal, wie wohltuend das war, wenn uns ein Mensch mit solchem Mut begegnet ist. Wie gut das war, als seine Tür für uns offen stand und er Platz für uns hatte. Wie er zu uns hielt, als uns andere die Tür vor der Nase zumachten. Erinnern wir uns, wie gut das war, wenn wir aufatmen konnten, weil eine auf uns lastende Schuld vergeben wurde. Was für eine Wohltat das war, wenn uns Zeit gelassen wurde, obwohl wir die Geduld der anderen strapazierten. Kurz gesagt: Welch eine Wohltat, Menschen mit solchem Mut, solcher Demut, Sanftmut und Langmut in unserer Nähe zu haben und gehabt zu haben.

Und wenn uns Demut, Sanftmut und Langmut ausgegangen sein sollten, was ja leicht passieren kann, dann erinnert uns Paulus an den einen Geist, an die eine Hoff-nung, an die eine Taufe, an den einen Herrn, an den einen Gott. Dann ist es vielleicht wieder einmal Zeit, sein Wort zu lesen und zu hören. Dann ist es bestimmt wieder einmal Zeit die Hände zu falten zum Gebet. Unser Predigttext endet ja in einem Lob-preis an den Gott, der über allen, durch alle und in allen ist.

Dann ist es Zeit, einfach einmal still zu werden, bis all die ängstlichen, verwirrten, mißtrauischen Stimmen leiser werden und schließlich ganz verstummen. Damit wir überhaupt wieder Schallraum haben für den Lobgesang, den alles Lebendige seinem Schöpfer singt. Auch wir sind lebendig. Es singt auch in uns; dieses Gebet zu dem, der der rechte Vater ist über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden.
Dann ist es Zeit, wieder Schallraum zu gewinnen für das Evangelium vom menschenfreundlichen Gott. Zeit, dass Kirche Schallraum für dieses Evangelium und nur für dieses Evangelium ist, damit es Resonanz finden kann in unseren ängstlichen Herzen. Mut haben wir heute bitter nötig, Mut wie Demut, Sanftmut, und Langmut. Damit wir Menschen werden und bleiben, die statt in ihrem Misstrauen und ihren Ängsten eingewurzelt sind in der Liebe durch unseren Herrn Jesus Christus. Amen.

 

- Jan Freiwald, 11.9.2022