Aktuelle Predigt

Die wahre Liebe

Jesus sagt: Es ist noch eine kleine Zeit, dann wird mich die Welt nicht mehr sehen. Ihr aber sollt mich sehen, denn ich lebe und ihr sollt auch leben. An jenem Tage werdet ihr erkennen, dass ich in meinem Vater bin und ihr in mir und ich in euch. Wie mich mein Vater liebt, so liebe ich euch auch. Bleibt in meiner Liebe! Ich gehe jetzt hin zu dem, der mich gesandt hat; und weil ich das zu euch geredet habe, ist euer Herz voll Trauer. Aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen. (Joh 14, 19-20; 15,9; 16,5.22)

Liebe Schwestern und Brüder,
sie waren füreinander bestimmt. Sie wussten es nur noch nicht. Es war eine ungewöhnliche Lage für den ersten Blick: Sie war gerade dabei, sich umzubringen und stand schon auf dem Geländer, um sich in die Tiefe zu stürzen. Doch er hielt sie geschickt davon ab. Auf dem Deck der 1. Klasse, wo die High Society flanierte, kamen sie sich näher. Langsam, mit allen Windungen und süßen Verstrickungen, in die man sich begibt, wenn man frisch verliebt ist. Sie, eine Lady der besseren Gesellschaft, noch dazu verlobt mit einem Schnösel, und er ein Drittklasspassagier, ein Lebenskünstler - sie durften sich eigentlich gar nicht treffen, schon gar nicht lieben. Sie taten's trotzdem, denn - Hand aufs Herz - wo die Liebe hinfällt, hat man eigentlich keine Wahl. So fanden sie sich, binnen zweier Tage. Er zeigte ihr, dass nur die Tage zählen im Leben, die man wirk-lich lebt. Er öffnete ihr Türen zu einer Welt, die sie vorher nie ahnte, voller Stolz und Aufrichtigkeit, voll innerem Frieden und Glück, auch ohne Reichtum.


Doch das Glück ist nur von kurzer Dauer. Das Schiff, auf dem die beiden reisen, rammt einen Eisberg. Schreckliche Szenen folgen. "Frauen und Kinder zuerst" heißt es, und sie sitzt schon drin im Rettungsboot. Aber Abschied will sie anders nehmen, nicht jetzt schon, nicht hier. Also steigt sie wieder aus, um bei ihm zu sein bis zum Ende. Nach einer langen Flucht durch das sinkende Schiff rettet er sie schließlich zum zweiten Mal, indem er sie auf eine schwimmende Planke hebt, heraus aus dem eiskal-ten Wasser. Doch nur sie hat darauf Platz. So gibt er sein Leben, damit sie überlebt. Er erfriert, und sie wird gerettet. Endlich an Land, nimmt sie seinen Namen an, Jack Dawson, obwohl niemand sie verheiratet hatte. Doch was machte das schon für einen Unterschied? Sie weiss, dass er weiterlebt und dass ihre Liebe niemals sterben wird.


So endet der Film "TITANIC", einer der erfolgreichsten Filme aller Zeiten. Und ich kenne bis jetzt keinen, der am Schluss des Films nicht geweint hätte. Diese zwei, Jack und Rose, in denen wir uns so wiederfinden, mit denen wir uns so mitfreuen, wenn sie sich finden, und mitleiden, wenn sie auseinandergerissen werden. Sie waren füreinander bestimmt, doch ihre Liebe fand keine Erfüllung. Oder vielleicht doch?


Ich weiss ja nicht, wie es Ihnen geht - findet Ihre Liebe Erfüllung? Vielleicht leben Sie glücklich und zufrieden, schon viele Jahre, oder sind noch auf der Suche nach der grossen Liebe. Oder der, den Sie liebten, ist schon gegangen, vor langer Zeit, und es ist immer noch, als wäre es gestern gewesen.
Die wahre Liebe ist es, wozu und woraufhin wir leben. Wir leben von nichts anderem als von Liebe. Nicht vom Gehaltszettel oder Taschengeld, nicht davon, wie hoch oder niedrig die Rente ist, sondern von Liebe. Wir leben davon dass unsere Frau uns liebt oder unser Mann, unsere Eltern, unsere Kinder, unsere Freunde uns lieben. Denn sie sagen uns in jedem Augenblick: Gut, dass du da bist, ich brauche dich und liebe dich dafür. Davon lebst du und ich. Und davon, dass Gott mich kleinen Menschen groß macht, indem er mich liebt und mir erlaubt, nun meinerseits Liebe ins Leben zu rufen.


Ist das nicht ein wunderbares Geschenk, dass wir Liebe anfangen können? Dass wir den ersten Schritt wagen können? Vielleicht ist das ja bei Ihnen schon lange her, der erste Schritt, der erste Blick. Aber vergessen werden Sie ihn niemals. Stimmt's? Wa-rum? Weil gerade, wie es anfängt, wichtig ist und packend und unvergesslich. Wenn du dich verliebst, bist du mit jeder Faser deines Wesens beteiligt. Sogar schlecht schlafen tust du oder nichts essen oder machst sonst welche verrückte Sachen. Wa-rum? Weil du, wenn Liebe anfängt, Gott am nächsten bist. Hier schlägt sein Herz ge-nauso wie deins, nämlich bis zum Hals. Und so wie du den Atem anhältst, und hoffst, dass etwas draus wird, so tut es auch Gott.


Schöpfermacht ist da zu spüren, die aus eins und eins eben mehr macht als nur zwei. Und ich bin beteiligt, darf Gott helfen, dass die Welt reicher wird und wärmer durch meine Verliebtheit. Neues wird geschaffen, wofür ich eigentlich nichts kann. Und Liebe ist der Multiplikator. Sie ist die Unendlichkeit, die dem Endlichen geschenkt ist. Am deutlichsten wird das bei der Liebe einer Mutter zu ihren Kinder, natürlich auch eines Vaters: Drei Kinder, aber nicht für jedes ein Drittel, sondern dreimal eine ganze ungeteilte Mutterliebe. Da geht unsere ganze Mathematik flöten. Weil wir die Zahl Unendlich nicht denken können, nicht mit ihr rechnen können. Aber es gibt sie. Sie ist Gottes Lösung, seine Weltformel.


Aber was, wenn die Formel nicht aufgeht? Überall kann man sehen, dass Liebe nicht nur anfängt, sondern eben auch aufhört, dass sie zerbricht oder sich langsam davonschleicht. Und das ist gar nicht mal immer unsere eigene Schuld. Manchmal ent-fernt man sich voneinander, manchmal wäre zusammenbleiben schlimmer als die Trennung, manchmal war es einfach der Falsche oder die Falsche. Wenn Liebe auf-hört, dann können wir nicht fliehen. Es trifft uns, und es tut weh. Ist das Schiff erst einmal leckgeschlagen, dann lässt sich der Untergang meist nicht mehr aufhalten. Darum solltest du Acht geben auf den, den du liebst. Am besten, bevor du den Eisberg rammst. Sieh nicht zu, wie eure gemeinsame Sache untergeht, dir zwischen den Fin-gern zerrinnt. Aus Unachtsamkeit vielleicht, oder weil du nicht gelernt hast, über die Angst zu sprechen, den anderen zu verlieren. Jeder Tag zählt, sagt Jack. Jeder Tag ein Geschenk, mit dem du deine Welt und die Welt um dich herum voranbringen kannst.


Als Jesus mit seinen Jüngern sprach und ihnen auftrug, in der Liebe zu bleiben, da wusste er, dass die Menschen seine Liebe, wegen der er ja auf die Welt gekommen war, ausschlagen würden. Jesus war die wandelnde Liebeserklärung Gottes. Aber er wusste: die Antwort der Menschen auf ihn würde Hass sein, Erniedrigung und Tod. Er und wir, wir waren füreinander bestimmt von Anbeginn der Zeit, wie es im Johannes-evangelium heisst. Und darum konnte sein Tod am Kreuz auch nicht das Ende dieser Liebesbeziehung sein, auch wenn es zunächst ganz danach aussah. Am Ende werdet ihr mich wiedersehen, sagte Jesus, und er behielt recht.


Oft werde ich gefragt, wie das denn ist nach dem Tod, ob wir die wiedersehen, die wir hier geliebt haben, und ich kann immer nur sagen, dass davon so nichts in der Bibel steht. Was aber drinsteht, ist, dass wir Jesus wiedersehen werden. Und zwar weil er uns so geliebt hat. Darum glaube ich, dass das auch bei uns Menschen so sein wird. Wahre Liebe kann nicht enden, weil sie ein Stück von Gottes Liebe ist und Gott nicht zuläßt, dass sie endet. Auch wenn wir eine lange Zeit der Trennung durchmachen müssen: Am Ende werden wir uns wiedersehen, und was hier nur angefangen hat, wird dort vollendet.


Bis dahin haben wir noch ein gutes Stück zu gehen. Bis dahin müssen wir mit den Bruchstücken leben, die wir einander an Liebe reichen können. Müssen mit Scheitern leben und mit Abschieden, und doch auch mit der Sehnsucht, unsere Liebe zu einem Menschen würde niemals enden. Es ist ja diese Sehnsucht, an die uns solche Ge-schichten wie die von Jack und Rose erinnern: der innige Wunsch, dass Liebe eben doch alle Zeiten überdauert. Lassen wir uns diese Sehnsucht gefallen und sie uns oft vor Augen halten. Sie ist ein Zeichen und eine Spur des Ewigen, des Künftigen. Alles Lieben hier ist Anbruch von Gottes ewiger Liebe, die uns noch ganz machen wird. Sie ist Gottes Lösung und Erlösung für die Welt. Amen.

 

Jan Freiwald, 2.6.2019