Aktuelle Predigt

Wie heimlicher Weise
Ein Engelein leise
Mit rosigen Füßen
Die Erde betritt,
So nahte der Morgen.
Jauchzt ihm, ihr Frommen,
Ein heilig Willkommen,
Ein heilig Willkommen!
Herz, jauchze du mit!
In Ihm sei's begonnen,
Der Monde und Sonnen
An blauen Gezelten
Des Himmels bewegt.
Du, Vater, du rate!
Lenke du und wende!
Herr, dir in die Hände
Sei Anfang und Ende,
Sei alles gelegt!
("Zum neuen Jahr", Eduard Mörike )

Liebe Gemeinde,
mit zarten, ja zärtlichen Worten beschreibt Eduard Mörike den Engel, der die Erde betritt. Den Vertreter einer großen Schar von Boten mit göttlichem Auftrag, die den Himmel mit der Erde verbinden. Von manchen Menschen wurden und werden sie gefürchtet, von den meisten Menschen geliebt und geachtet und dies, obwohl sie überwiegend heimlich, leise und unsichtbar ihren Dienst tun.

Mit heimlichen, leisen und meistens unsichtbaren Wesen haben auch die Isländer zu tun. Island hat – vermutlich als einziges Land unserer Gegenwart - eine staatliche Elfenbeauftragte: Die gegenwärtige Amtsinhaberin Erla Stefánsdóttir arbeitet für das Bauamt von Reykjavík und ist auch für Lichtfeen, Trolle, Gnome und andere unsich-bare Wesen zuständig. Es geht den Isländern vor allem darum, Wohngebiete der Naturgeister nicht durch Bauvorhaben zu beeinträchtigen. So hat die Elfenbeauftragte in Stadtplänen und Karten die Stellen zu markieren, an denen laut Überlieferung Elfen wohnen. Immerhin glauben 60% aller Isländer an Elfen, und weitere 30% halten ihre Existenz für möglich. Wo immer also Wohngebiete dieser Naturgeister vermutet werden, darf dort nicht gebaut werden, da Elfen scheu sind und durch Baulärm vertrieben werden könnten. Die Harmonie zwischen Natur und Menschen würde dadurch gefährdet. Isländer vermeiden es also, mit menschlichen Aktivitäten die Elfen und Naturgeister zu stören.

Nun geht es jetzt hier nicht darum, eine Sagen- und Märchenstunde abzuhalten, wo doch immerhin Neujahr ist, und wir den Jahreswechsel doch gern mit tiefen, ernsten Bedeutungen aufladen. Darum die Frage: Was wäre, wenn wir in unserem Land Engelbeauftragte hätten? Wenn es also in der bayrischen Staatsregierung jemanden gäbe, der darauf achtet, dass durch keine politischen oder sonstwelchen Entscheidungen Engel in ihrer Arbeit beeinträchtigt werden? Und was würde sich in unserer Gesellschaft ändern, wenn unsere Landes- und Bundesregierung die Engel Gottes ernst nehmen und mit ihnen rechnen würden? Natürlich wäre das mit dem Grundsatz der Religionsfreiheit nicht vereinbar, aber eine demokratische Mehrheit hätte so etwas auf jeden Fall. Schließlich glauben zwei Drittel aller Menschen in diesem Land an Engel - das sind mehr, als an Gott glauben -, und jeder Zehnte will schon einmal einen Engel gesehen oder gefühlt haben. Höchste Zeit wäre eine öffentliche Anerkennung der Leistung der Engel auf jeden Fall. Denn ich fürchte, dass ihnen ihre Arbeit manchmal ziemlich frustrierend vorkommt. Wo wir doch in den allermeisten Fällen überhaupt nicht auf sie achten.

"Wir sind es leid, ständig Federn zu lassen", könnte so ein Engel sagen. Und er könnte sich dann mit seiner Beschwerde an die staatlichen Engelbeauftragten wenden: "Wir sind es leid, dass man uns übersieht, dass man uns zu Weihnachtsbaumschmuck degradiert oder uns schlichtweg leugnet. Die Menschen sollten sich mal überlegen, wie es ohne uns aussähe: Heilloses Chaos, gigantische Sterberaten und tägliche Katastrophen in jedem Haus. Niemand ahnt, wie viele Finger beim Karottenschneiden verletzt würden, wie viele Kinder die Treppen runterfallen würden und wie viel öfter man seinen Schlüssel verlegen würde, wenn wir nicht wären. Es soll sogar ernsthaft Menschen geben, die glauben, dass Windows 10 ohne uns funktioniert."

Ja, die Engel... Vielleicht haben sie tatsächlich solch ein Selbstbewußtsein wie wir und freuen sich über Anerkennung wie wir und ärgern sich über Gleichgültigkeit. Eigentlich ist ein Engel ja ein Bote, ein Abgesandter Gottes, der ausführt, was Gott will, oder der eine Nachricht von Gott bringt. Insofern kann man verstehen, dass für viele die Engel vor allem so etwas sind wie Auswirkungen oder Gedanken Gottes. Die nicht ohne Gott denkbar sind und kein Eigenleben führen. In der Bibel freilich werden sie als eigenständige Wesen beschrieben, denen man leibhaftig begegnen kann. Manchmal auch nur im Traum oder in einer Vision. Wie man sie sich auch immer vorstellt: sie helfen uns, das Wirken Gottes in unserem Leben zu verstehen.

Vielleicht sind die Engel ja ganz einfach ein Versuch von Gott, uns näherzukommen. Damit wir ihn besser verstehen. Damit wir nicht immer denken, er sei so weit weg und unnahbar. Denn in der Gestalt der Engel kann man sich das Wirken des fernen, unnahbaren Gottes auch ganz in der Nähe, im alltäglichen Leben vorstellen. Engel sind ein greifbares Stück Gott. Wenn Engel auftreten und leibhaftig erfahren werden, dann ist die Botschaft dieser Begegnung: Ja, es gibt einen Himmel, und er ist nicht weit weg, sondern ganz nah.

Diesen nahen Himmel feiern wir an Weihnachten, und vielleicht sind wir darum in dieser stillen und feierlichen Zeit besonders offen für die Engel und Wirkmächte Gottes. Was würde sich ändern, wenn wir auf sie achten und mit ihnen rechnen würden? Womöglich würden wir empfinden, dass zu Beginn dieses neuen Jahres ein Engel leise die Erde betritt. Und mit ihm der neue Morgen naht. Vielleicht würden wir ihm ein heilig Willkommen zurufen, weil wir plötzlich die um uns existierende Welt als Gottes Welt sehen könnten und sähen, was wir sonst nicht sehen: All die Bewahrung, die das Schlimmste nicht eintreten ließ. All die Weisung, die uns zwar Umwege, aber doch nicht ins Leere gehen ließ. All die Nähe, die wir zwar manchmal nicht spürten, die uns aber doch nicht verzweifeln ließ.

Diesem Engel gehört unser Gruß heute, und wo wir sonst am Jahresanfang immer voll sind von großen Plänen und Erwartungen, von Vorsätzen und Hoffnungen, so wollen wir heute einmal nur diesen Engel willkommen heißen. Den Engel, der mein und dein Leben betritt, um auszuführen, was Gott will und was dir dient. Denn du bist sein geliebtes Kind, und er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen. Und wenn du dir schon etwas vornehmen willst für das neue Jahr, dann vielleicht das: dass du ihm nicht im Wege stehst, dem Engel, und ihm kein Bein stellst, wenn er helfen will. Sage nur, heute und an jedem Tag dieses neuen Jahres: Herr, dir in die Hände sei Anfang und Ende, sei alles gelegt! Amen.

- Jan Freiwald, 1.1.2022