Unser Leben sei ein Fest
Liebe Schwestern und Brüder,
das kleine Jesuskind, dessen wundersame Ankunft auf Erden wir an Weihnachten gefeiert haben, ist erwachsen geworden. Und es fängt sein öffentliches Wirken ganz munter an mit einem Paukenschlag. Wie um zu sagen: Leute, jetzt ist Schluss mit dem Vorspiel, jetzt wird's – lustig. Und er meint das tatsächlich so, denn sein erstes Auftreten läuft nicht etwa so ab, dass der Gottessohn, jetzt ein gereifter Erwachsener, sich hinstellt und den Leuten eine Gardinenpredigt hält, die sich gewaschen hat. Stattdessen hören wir diese ausgelassene Szene von einem Fest, auf dem es wirklich hoch her geht. Und zwar so:
Es war einmal vor 2000 Jahren in einem Kuhdorf in Galiläa. Da feiern Menschen eine Hochzeit. Am Eingang stehen riesige Steinkrüge mit Wasser für die vorgeschriebenen Fuß- und Handwaschungen. Die Sonne geht unter, alle sind bester Laune. Man tanzt die nahöstliche Variante einer Polonaise, die Partygesellschaft durchbricht mit Schluckgeschwindigkeit die 1 Promille-Grenze mit einem passablen Landwein. Der Abend ist noch jung. Die Stimmung nähert sich ihrem Höhepunkt. Doch dann plötzlich… Ebbe im Fass. Der absolute Supergau für die Gäste und eine Blamage für die Gastgeber.
Maria und Jesus sind auch eingeladen. Wahrcheinlich hatten die beiden auch schon 2-3 Becher intus, vielleicht lachten und tanzten sie mit dem Rest der Welt, das wird aber nicht berichtet. Würde aber gut zu Jesus passen, dem ja in Zukunft der Titel "Fresser und Weinsäufer" anhing. Jedenfalls schreit die Heilige Mutter Gottes ihrem Sohn ins Ohr, um die Festgesänge zu übertönen: „Sie haben keinen Wein mehr.“ Und es ist so, wie es manchmal mit Frauen ist: Man weiß gar nicht genau, warum sie das sagen. Hat sie noch Durst? Oder will sie ihren Sohn dazu bringen, sein erstes öffentliches Wunder zu vollbringen? Wir wissen es nicht.
„Was habe ich mit dir zu schaffen, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“ antwortet Jesus etwas barsch. Und es ist so, wie es manchmal mit Männern ist: Man weiß nicht genau, warum sie das sagen. Will er ausnahmsweise mal nicht der brave Junge sein? Oder meint er: Lass mal, ich mach das schon. Aber dann bitte, wann ich will. Wir wissen auch das nicht. Zehn Kapitel später wird der Evangelist Johannes davon erzählen, dass Jesu Stunde gekommen sei: Er reitet auf einem Esel in Jerusalem ein und feiert das letzte Ma(h)l mit seinen Jüngern.
Doch bleiben wir bei seiner ersten Feier, bei dem Hochzeitsmahl in diesem kleinen Dorf in Galiläa. Nach dem etwas rätselhaften Mutter-Sohn-Gespräch weist Maria die Diener an: „Was er euch sagt, das tut!“ Und die Diener tun, was Jesus sagt: Sie füllen die Krüge am Eingang noch einmal bis zum Rand mit Wasser auf und das Wunder geschieht: Das Wasser verwandelt sich in Wein. Der Architriklinos wird gerufen, auf Deutsch: Sommelier. Und er kann sich nur wundern, was er da kostet: Das da in den Krügen, das ist kein passabler Landwein, sondern die nahöstliche Entsprechung eines 45er Mouton Rothschilds. Der Architriklinos schüttelt nur den Kopf über diese Trinkfolge: Jeder normale Mensch serviert erst den guten Wein, und dann – ab 1 Promille – den Fusel. Dann merkt’s nämlich keiner mehr. Und wir reden hier nicht von 2-3 Flaschen, sondern von 600 Litern. So viel passte nämlich in die Krüge, zwei Badewannen voll.
Ein Fest als erstes Auftreten Jesu, und ich finde, wir sollten uns das auf der Zunge zergehen lassen und hinter die Ohren schreiben: Ein Fest ist die Überschrift über das Leben des Gottessohnes, und zwar eins, auf dem es richtig kracht, denn sechshundert Liter Wein, das reicht für mehrere Hochzeiten, das ist die Fülle, ja die Überfülle, und ausgerechnet von einem Schüler Johannes' des Täufers, des Asketen, der sich jedes Alkohols enthielt. Man sollte doch meinen, dass es der Schüler dem Lehrer nachtut.
Es wird diese Tat Jesu auf der Hochzeit zu Kana nicht die einzige Gelegenheit bleiben, wo er alles über den Haufen wirft, was die Menschen von ihm erwartet haben. Ein gutes Stück Verrücktheit gehört ja auch dazu, wenn man sich nicht zu den anerkannten Größen des Landes hält, sondern lieber bei den Ganoven einkehrt, bei den Zöllnern und Halsabschneidern, und mit ihnen speist. Oder wenn man die Hüter von Recht und Ordnung provoziert, wo man nur kann, indem man Kranke am Sabbat heilt oder vor ihren Augen am Sabbat Ähren abrauft, obwohl das gegen die Sitten verstößt. Und so auch hier: Der, der von sich behauptet, er wäre der Heilige Gottes, benimmt sich ganz und gar nicht heilig, sondern verhilft einer ausgelassenen Hochzeitsgesellschaft dazu, nur noch ausgelassener zu werden und weiter zu saufen, was das Zeug hält.
Also tatsächlich ein Verrückter? Die Menschen damals sahen das so. Und, liebe Schwestern und Brüder, sie hatten recht. Jesus war verrückt, denn er verrückte die bestehenden Ansichten von Recht und Ordnung. Wenn Gott kommt, dann geht es nicht ohne solches Verrücken ab. Und wer sich auf ihn einlässt, der muss sich auch verrücken lassen, vom Alten abrücken, ganz neue Maßstäbe wagen. Was hat Jesus gesagt? Wenn dich einer zwingt, eine Meile mit ihm zu gehen, dann gehe zwei mit ihm. Ist doch verrückt, oder? Wenn dir einer die Jacke klaut, dann gib ihm auch die Hose dazu. Liebe den, der dich hasst, auch wenn er’s nicht verdient hat. Das ist doch nicht normal. Jedenfalls nicht für den gesunden Menschenverstand. Doch, sagt Jesus, denn Druck erzeugt immer nur Gegendruck, und Gewalt erzeugt Gegengewalt. Will man all die tödlichen Kreisläufe durchbrechen, die uns so zu schaffen machen, muss man anders denken, andere Maßstäbe wagen.
Dafür wird man dann auch gerne mal belächelt. Für viele sind Christen so etwas wie Exoten oder Träumer, die in manchen Dingen irgendwie verrückt sind, die an Dinge glauben, die sie nicht sehen, die sonntags in die Kirche laufen und all so was. Ist doch nicht normal, oder? Der Glaube benimmt sich nicht normal, weil er das normale Leben in einem anderen Licht sieht, eben im Licht Gottes. Wo das Ernsthafte gar nicht so ernst ist, wo die Weisen Toren sind und die Taugenichtse Heilige, wo die Sünder Gerechte sind und der heilige Messias als Spender der größten Weinlage auftritt, die es je gab. Der Messias, der Gesandte Gottes dreht alle Werte um. Und wenn es nach Jesus ginge, dann müssten wir alle noch viel verrückter werden.
Zunächst aber beginnt alles unauffällig. Niemand hat etwas von dem Wunder bemerkt. Der Messias steht gar nicht im Mittelpunkt. Solche Gäste liebt man aber, die kein Aufsehen erregen und einem trotzdem aus der Klemme helfen. Ein altes Tischgebet sagt das ähnlich: Komm, Herr Jesus, sei unser Gast, und segne, was du uns bescheret hast. Ein Stück von der Hochzeit zu Kana ist in diesem Tischgebet enthalten: Jesus ist Gast, aber die bescherte Gabe kommt von ihm. Das ist auch irgendwie verrückt, unlogisch. Ein Gast, der das Essen mitbringt. Wenn Sie dieses Gebet kennen: Ist Ihnen dieser Widerspruch schon einmal aufgefallen? Sei unser Gast, und segne, was du uns beschert hast. Dieses Gebet erinnert an die Hochzeit zu Kana. Jesus ist ganz zufällig da, er steht nicht im Mittelpunkt. Aber er sorgt mit seiner Fülle dafür, dass es weitergeht. Und das ist auch heute noch so. Jeden einzelnen Tag.
Was aber Fülle ist, das bestimmt er. Wir müssen sie dort suchen, wo er sie uns schenkt. Und er schenkt uns nicht nur die Fülle an Wein. Auch andere Arten von Fülle und Überfluss weisen auf Jesus, auch das Aushalten von Leiden und Tod. Auch diese Fülle des Leidens bleibt uns nicht erspart, weil auch ihm sie nicht erspart blieb. In der Gemeinschaft mit Jesus stoßen wir immer wieder auf Fülle im Guten wie im Bösen. Die Wirklichkeit ist dann nicht mehr nur grau in grau. Sondern Jesus bringt sie durcheinander und scheidet eindeutig Gutes und Böses voneinander. Lauwarm gibt es dann nicht mehr. Keine halben Sachen. Du musst dich entscheiden, auf welcher Seite du stehst, und dann auch eintreten für das Richtige, und das Falsche ablehnen.
Auch hier ist der Weg, den Jesus von uns will, der unnormale. Normalerweise vermeiden wir ja lieber, uns klar auf eine Seite zu stellen. Lieber mal die Optionen offenhalten, und wir wollen es uns ja mit niemandem verderben. Doch unentschieden oder lauwarm zu sein, das ist dem Messias nicht angemessen. Wenn Sie mal überlegen, was für Jesusgeschichten Sie kennen und Aussprüche von ihm - mir ist keine Stelle bekannt, wo er "vielleicht" oder "mal sehen" gesagt hätte. Oder unseren Lieblingssatz: "Das können doch die anderen machen!" Niemals unentschieden, immer entweder ein klares Ja, wenn etwas der Liebe oder den Menschen diente, oder ein klares Nein, wenn es gegen die Nächstenliebe oder gegen Gott ging. Jesus kannte nur die schroffe Ablehnung oder eben den verschwenderischem Einsatz. So verschwenderisch wie hier auf dieser Hochzeit. Auf ein paar hundert Liter Wein kommt es nicht an.
Und ist es nicht wunderschön, dass Jesus für diese Lektion ausgerechnet ein Hochzeitsfest ausgesucht hat? Das vorherrschende Lebensgefühl seiner Nachfolger soll das eines Festes sein, ausgelassen und fröhlich! Dein Leben sei ein Fest! Spür jeden Tag das Glück, da zu sein, atmen zu können! Und dass du du bist, mit keinem tauschen willst, mit gar keinem, recht besehen. Und bei dem, was du von Gott bekommen hast, deine Gaben, vielleicht auch Materielles – danke Gott und freu dich dran, heißt die Devise, und mach was draus. Gib’s weiter! In allem Guten, was du hast und was du kannst, ist Verschwendung angesagt, auf einem Fest ist sie erlaubt. Auf einem Fest tragen alle zusammen und helfen zusammen. Je mehr, desto besser, und Hauptsache, es bleibt ganz viel übrig, damit jeder etwas hat. Wäre das nicht ein tolles Lebenskonzept?
Jesus hat es vorgemacht. Mit ihm ist die messianische Zeit angebrochen, die Zeit der Fülle, die so lange dauern wird, bis er wiederkommt und die Welt erlöst. Der Heilige Hieronymus soll einmal gefragt worden sein, wie lang denn der Wein auf dieser Hochzeit gehalten habe. Und der grinste nur: Wir trinken immer noch davon. Amen.
- Jan Freiwald, 18.1.26
